Caspar Walbeck

Lokomotions – das Smartphone als Prothese

Schülerarbeit (Kl. 13): „Zeichenexperiment“ - Smartphone, auf der Zeichenfläche positioniert
Schülerarbeit (Kl. 13): „Zeichenexperiment“ - Smartphone, auf der Zeichenfläche positioniert, aus dem Unterricht von Caspar Walbeck

Caspar Walbeck

Anregungen zur Körper- und Raumwahrnehmung

Motiviert durch Experimente und niederschwellige Übungen, setzt sich ein Leistungskurs Kunst mit der Konstruktion von Wirklichkeit über das Smartphone-Display als „Fenster zur Welt auseinander. Dies wird zur Grundlage für freies, praktisches Arbeiten und schafft Anknüpfungspunkte für die theoretische Auseinandersetzung mit Kunstwerken verschiedener Epochen.

Der Medientheoretiker Vilém Flusser vertrat die These, dass „die gesamte materielle Kultur seit zwei Millionen Jahren als Versuch verstanden werden kann, den „‚gegebenen Körper mit künstlichen Erweiterungen zu optimieren. Er vergleicht diese kulturellen Artefakte treffend mit „Prothesen (Flusser 1994, S. 95).
Bei dieser sich immer weiter beschleunigenden Entwicklung stand zunächst im Mittelpunkt, den einzelnen Menschen zu optimieren etwa durch den Faustkeil als Werkzeug. Inzwischen gehe es aber darum, „alle Menschenkörper „gemeinsam mithlfe von Prothesen zu „koppeln und „in den Dienst des Nervensystems zu stellen (ebd.) (vgl. Ammer u.a. 2015, S. 132ff.).
Ziel der im Folgenden beschriebenen Übungen und elementarpraktischen (Selle 1988) Erfahrungsmöglichkeiten sind bewusste Perspektivwechsel vornehmlich durch das Sehen und die Lokomotion, also die Bewegung: Welche Einschränkungen und Erweiterungen kann uns eine „Prothese wie das Smartphone bieten?
Hiermit wird in der 13. Jahrgangsstufe (Q2) an einer sechszügigen Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe eine sich anschließende Phase für die freie bildnerisch-praktische Gestaltung zum bewusst offen formulierten Thema „Ich seh etwas, was …“ angebahnt. Die beschriebenen Übungen sind ohne technische Vorkenntnisse und Vorbereitungen einsetzbar und eignen sich modifiziert auch für die Sekundarstufe I.
Einstiegsübung „Sehhilfe
Um die Schülerinnen und Schüler auf das bevorstehende etwa fünfminütige Experiment einzustimmen, nehme ich zum Stundenbeginn selbst mein Smartphone, begrüße den Kurs, indem ich auf mein Display schaue und das Vorhaben indirekt über das Smartphone erkläre. Es dauert nicht lange, bis die Schülerinnen und Schüler der Einladung nachkommen und ebenfalls ihre Smartphones herausnehmen (Abb. 1 ). Wer nicht mitmachen will oder mitmachen kann etwa weil der Akku leer ist , hat die Aufgabe, das Experiment extern beobachtend zu verfolgen.
Nach diesem Einstieg sollte ein Anreiz zur Interaktion und Bewegung im Raum mit dem Smartphone als „Sehhilfe geschaffen werden: Ein Blatt Papier ist zu organisieren (Abb. 2).
Nachdem alle wieder mit dem Blatt an ihrem Platz angekommen sind, werden die Smartphones abgelegt. Beim anschließenden Erfahrungsaustausch notiere ich die Eindrücke der Übung an der Tafel (s. Kasten).
Schüleräußerungen zur Auswertung der Einstiegsübung „Sehhilfe
Schüleräußerungen zur Auswertung der Einstiegsübung „Sehhilfe
  • eingeschränktes Blickfeld („Ich hätte gedacht, dass die Kamera das Blickfeld vergrößert.)
  • „schmerzhaft im Dauerbetrieb „Langzeitschielen: Dauerhaftes Fokussieren des Displays strengt an. Der Abstand zwischen Display und Augen ist zu gering.
  • Problem mit Unschärfe/Scharfstellen (Autofokus)
  • Distanz: Alles erscheint zu weit weg. (Der Versuch, heranzuzoomen verkleinert das Blickfeld noch mehr.) „Das ist oft auf Fotos zu beobachten. (Bsp.: „Ein großer Vollmond wirkt auf einem Foto winzig klein.)
  • Zeitverzögerung/Latenz (insbesondere bei schnellen Bewegungen)
  • „Man ist motorisch eingeschränkt (s. o.). „Und man hat nur eine Hand frei.
  • Problem mit der räumlichen Wahrnehmung: Distanzen, Abstände sind schwer einzuschätzen. („ weil wir unsere Umwelt normalerweise mit zwei Augen wahrnehmen.)
Zwischenfazit
Das Smartphone kann komplexe Orientierung im Raum nur sehr beschränkt ermöglichen. Unser alltägliches Sehen beruht auf ständigen Augenbewegungen, das Smartphone zwingt zu ungewohntem, dauerhaftem Fixieren. Unser Blickfeld ist...

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Fakten zum Artikel
aus: Kunst und Unterricht Nr. 415 / 416

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Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 11-13