Stefan Mayer

Leerstellen

Schülerarbeit (Kl. 12): mit Gips ausgegossenes Loch im Baum
Schülerarbeit (Kl. 12): mit Gips ausgegossenes Loch im Baum, aus dem Unterricht von Stefan Mayer

Stefan Mayer

Räumliche Qualitäten von Lücken

In dieser Unterrichtssequenz begibt sich eine Oberstufenklasse auf die Suche nach Fehlstellen im Alltag und wird so an die bewusste Wahrnehmung von Lücken und Leere herangeführt. Mit Gipsabdrücken und -abgüssen werden anschließend die besonderen räumlichen Eigenschaften von Leerstellen greifbar gemacht.

Wirklichkeitsaneignung im Kunstunterricht sollte sich auch der ästhetischen Wahrnehmung des nicht Sichtbarens widmen (s. Kasten).
Unsichtbare Wirklichkeit
Unsichtbare Wirklichkeit
Ein Hauptinteresse kunstpädagogischen Bemühens galt seit jeher der Annäherung an den sichtbaren Teil der Wirklichkeit sei es nachahmend oder empfindend (vgl. Kerschensteiner 1905, S. IV, Kowalski 1970, S. 9ff.).
Unser Sehsinn, so bestätigen es Erkenntnisse der Neurobiologie, ist stets um ein kohärentes Bild bemüht und gaukelt uns eine Kontinuität in der visuellen Wahrnehmbarkeit unseres Alltags vor (vgl. Frith 2010, S. 21f.).
Dass dies jedoch vor allem eine Konsequenz unserer evolutionären Anpassung an Raum und Zeit ist und das „Bild unserer Lebenswelt von unserer Interaktion mit der Welt abhängt, relativiert die scheinbare Hegemonie des visuellen Eindrucks (vgl. Noe 2010, S. 207).
Die durch visuelle Interpretation und aktive Handlung erkennbare Lebenswirklichkeit ist keineswegs so homogen, wie sie sich auf den ersten „Blick darzustellen scheint. Bei genauerem Untersuchen zeigt sich die sichtbare Repräsentation der Umwelt von unzähligen Lücken und Leerstellen geprägt und kann so Erstaunen und Überraschen auslösen oder zu existenzieller Betroffenheit führen (vgl. Mayer 2012, S. 13).
Bereits in den 1990er-Jahren betonte der Philosoph Wolfgang Welsch, „etwas sehen hieße, etwas anderes zu übersehen (Welsch 1993, S. 46) und das Kunstkritikerduo Lehmann und Weibel wies darauf hin, dass unser Wahrnehmungsfluss voller Lücken und Leerstellen sei (vgl. Lehmann/Weibel 1994, S. 60ff.).
In der bildenden Kunst der letzten 100 Jahre finden sich immer wieder intensive Auseinandersetzungen mit dem Thema Lücken, der Leere, dem Nichts und der Abwesenheit (Weibel 1994, Mayer 2012). Dies wird hin und wieder in fast leeren Ausstellungsräumen einem erstaunten Publikum vorgeführt (z.B. Museum für Moderne Kunst Frankfurt: ,__ vorübergehend unsichtbar, 2011; Kunsthalle Bern: Voids. eine Retrospektive, 2009; Kunsthalle Schirn Frankfurt: Nichts Nothing, 2006) und führt zu der Erkenntnis, dass unsere Wirklichkeit nicht annähernd visuell erfahrbar ist.
Didaktische Begründungen für diese Überlegung finden sich in der empirischen Untersuchung nicht sichtbarer Schülerarbeiten (Mayer 2012, Mayer 2013, Mayer 2014) und in der grundsätzlichen Aufwertung der Imagination als zentrales Moment von Bildung und Lernen (Sowa 2012, S. 1).
Ein Ansatz besteht darin, die Aufmerksamkeit bewusst auf Fehlstellen in der eigenen Umgebung zu lenken und ein ästhetisches Forschungsprojekt durchzuführen.
Dieser von Helga Kämpf-Janssen formulierte Ansatz stellt die Verlässlichkeit der Dinge in Frage (Kämpf-Janssen 2001, S. 25) und fordert eine „forschende Hinwendung zur eigenen Lebenswirklichkeit. Lücken und Leerstellen können so bemerkt und der Wahrnehmungsfluss kann für einen Moment unterbrochen werden. „Die Leere sehen heißt, etwas in eine Wahrnehmung aufnehmen, das in sie hineingehört, aber abwesend ist; es heißt, die Abwesenheit des Fehlenden als eine Eigenschaft des Gegenwärtigen sehen. (Arnheim 1994, S. 60)
Ein plötzlich fehlendes Stück, ein Loch in der Straße, im Zaun, eine Spalte im Asphalt (Abb. 1 ) die Abwesenheit eines erwarteten Materials in Lücken und Leerstellen stört die Gewohnheit oder gar die Funktionalität und wird zumeist durch ein Füllmaterial beseitigt. Löcher im Asphalt behindern den Verkehr und können gefährlich werden. Spalten und Risse in historischen Steinbrücken Venedigs zehren an der Stabilität und werden mit Blei gefüllt.
Eine Übertragung in den...
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Fakten zum Artikel
aus: Kunst und Unterricht Nr. 421 / 422

Arbeiten mit Gips

Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "Kunst und Unterricht" Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 10-13