Lars Zumbansen

Kafkas Katzen

Schülerarbeit (Kl. 11): Digitale Zeichnung - Das Tier als Über-Ich bzw. internalisierte Normen der Gesellschaft
Schülerarbeit (Kl. 11): Digitale Zeichnung - Das Tier als Über-Ich bzw. internalisierte Normen der Gesellschaft, aus dem Unterricht von Lars Zumbansen

Lars Zumbansen

Differente Visualisierungen zu Franz Kafkas Kleine Fabel

Schülerinnen und Schüler eines Grundkurses der 11. Jahrgangsstufe setzen sich mit der posthum veröffentlichten Parabel Kleine Fabel von Franz Kafka auseinander. Dabei werden Visualisierungen als differenzierende Methode genutzt.

Visualisierungen zu literarischen Texten können im Unterricht nicht nur lernseits genutzt werden, um Hypothesenbildungen bei der Textdeutung einen adäquaten Ausdruck zu verleihen. Sie können auch lehrseits als Diagnoseinstrument eingesetzt werden, das die Verstehensheterogenität der eigenen Lerngruppe überhaupt erst sichtbar werden lässt.
Beide Funktionen werden im nachfolgenden Unterrichtsbeispiel vorgestellt und reflektiert. Für die kurze Unterrichtssequenz erfolgte eine transdisziplinäre Zusammenarbeit der Fächer Deutsch und Kunst mit dem Ziel, die Vorstellungsbildung der Schüler systematisch zu entwickeln (vgl. Abraham/Glas 2015, S. 12).
Kafkas Kleine Fabel eine Parabel
Trotz des geringen Textumfangs, handelt es sich bei Kleine Fabel (s. Kasten) um einen durchaus komplexen Erzähltext, der eine parabolische Deutung erfordert.
Franz Kafka: Kleine Fabel
Franz Kafka: Kleine Fabel
„Ach, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufein-ander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe. „Du mußt nur die Laufrichtung ändern, sagte die Katze und fraß sie.
aus: Franz Kafka: Sämtliche Erzählungen. Frankfurt/M. 1994, S. 320
Insofern ist das Leben der Maus die, in der Falle sitzend ihr Leben rückblickend schildert gleichnishaft auf grundsätzliches menschliches Entscheidungshandeln zu beziehen, das es als Selbstlüge zu bewerten gilt.
Die Schülerinnen und Schüler sind durch den Deutschunterricht mit der Textform der Parabel bereits vertraut und wissen, dass die jeweils konkrete Bildebene bei der Textanalyse stets auf eine allgemeingültige Sachebene zu übertragen ist.
Als besonders eigentümlich an der Handlung erweist sich am Ende das scheinbar unvermittelte Auftauchen einer Katze, die der vor der Falle stehenden Maus rät, die „Laufrichtung zu ändern und diese dann jedoch im vermeintlichen Widerspruch dazu auffrisst.
Genau diese Stelle fungiert als Kulminationspunkt der Erzählung und erscheint zugleich als besonders fragwürdig bzw. herausfordernd für die Textdeutung. Daher sollen sich die Lernenden vorbereitend imaginativ mit der Figur der Katze auseinandersetzen in folgender Hausaufgabe:
  • Wer oder was ist die Katze in der Para-bel?
  • Rekonstruiere die drei im Text skizzierten Lebensstationen und damit verbundenen Gefühlsregungen der Maus.
  • Überlege dir vor diesem Hintergrund eine Darstellung für die Katze, die sowohl den Bild- als auch den Sachgehalt der Figur zum Ausdruck bringt.
Der einführende Nachvollzug des Lebensweges der Maus soll die produktive Vorstellungsbildung der Schüler mit der Gesamthandlung verknüpfen.
Imaginative Füllungen: die Katze als produktive Leerstelle
Im Kunstunterricht werden sodann die individuellen Imaginationen der Schüler im Partnerteam wechselseitig ausgetauscht und in ihrer Konsistenz bezogen auf den Textgehalt diskutiert. Die gemeinsame Aufgabe besteht nun darin, der geteilten Vorstellung einen gestalterischen Ausdruck zu verleihen.
Grundsätzlich ermöglicht die Methode des freien Visualisierens den Lernenden ein breites Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten:
  • hinsichtlich der Bildzeichen selbst, die in ihrer Formstruktur und Farbigkeit unterschiedliche Abstraktions- bzw. Konkretisationsgrade aufweisen können und
  • hinsichtlich der räumlichen Anordnung und Verknüpfung der Bildelemente untereinander (vgl. Zumbansen 2013).
Vielfältige Gestaltungsmedien
Dieser Vielfalt an potenziellen...

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Fakten zum Artikel
aus: Kunst und Unterricht Nr. 423 / 424

Differenzierung – Zum Thema Hund und Katze

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 11-13