Ingrid Fisch

Comic-Kunst trifft Mittelalter

Schülerarbeit (Kl. 11): Ergebnis des Zeichenprojekts im Museum
Schülerarbeit (Kl. 11): Ergebnis des Zeichenprojekts im Museum, © LWL, Foto: Meike Roolfs

Ingrid Fisch

Anke Feuchtenbergers Werk Tracht&Bleiche

Mit dem Werk Tracht&Bleiche antwortet die Comic-Zeichnerin Anke Feuchtenberger auf ein mittelalterliches Triptychon. Beide Werke werden im LWL-Museum Münster gegenübergestellt. Schülerinnen und Schüler werden aufgefordert, ihrerseits wieder auf diese Gegenüberstellung zu reagieren.

Angestoßen und begleitet wurde das Projekt von der Abteilung Kunstvermittlung. Ziel war, durch die Gegenüberstellung des historischen mit dem zeitgenössischen Werk als eigenständige Arbeit zu einem Perspektivwechsel einzuladen.
Das Hauptwerk der Sammlung des LWL-Museums für Kunst und Kultur ist ein Altaraufsatz des Schöppinger Meisters aus der Zeit um 1470 (Abb. 2 ). Dieser erzählt die Passion Christi in aufeinanderfolgenden Bildern und erinnert damit an die Formensprache von Comics. Auch das Ziel, eine breite Öffentlichkeit zu erreichen, hat das ältere Werk mit dem populären Format gemeinsam.
Tracht und Bleiche
Anke Feuchtenberger (s. Kasten) erklärt das mittelalterliche Werk nicht, sondern berichtet aus weiblicher Sicht vom Wesen einer Mutter – Tochter-Beziehung. So interpretiert sie die zentralen Motive der mittelalterlichen Leidensgeschichte Tod, Gewalt, der Einzelne und die Menge, Familie und das Wunder neu.
Anke Feuchtenberger
Anke Feuchtenberger
In ihren grafischen Experimenten beschäftigt sich Anke Feuchtenberger (*1963) seit den 1990er-Jahren mit dem Verhältnis von Wort und Bild. Die Comic-Kunst Deutschlands bewegte sich in dieser Zeit erstmals auf Augenhöhe mit internationalen Entwicklungen. Die Hamburger Professorin für Zeichnen und Medienillustration beeinflusste mit dem Kollektiv PGH Glühende Zukunft die deutsche Comic-Avantgarde nach 1989 stark. Hervorzuheben in ihrem Werk ist die feministische Reihe Die Hure H (1996). Die Forschung vergleicht Feuchtenbergers frühen Stil mit Holzschnitten des Expressionismus. In ihren späteren Graphic Novels sind dagegen in Kohle gearbeitete, runde Figuren maßgeblich. Die Künstlerin selbst griff damit den Stil ihrer Diplomarbeit an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee wieder auf.
In Tracht & Bleiche entwickelt die Comic-Zeichnerin eine Erzählung mit einer eigenen Bildsprache (Abb. 1 ). Auffällig ist die sechseckige Form der insgesamt 31 Bildfelder. Die einzelnen Zellen des Wabennetzes fangen Ausschnitte eines größeren Zusammenhangs ein.
Feuchtenberger baut dadurch die Narration flexibel auf. Zwölf Waben sind mit kurzen Schriftzügen versehen, doch dominieren die Bilder die Sprache.
Bildbeschreibung
Im Zentrum der Arbeit steht eine Kopfweide, die von verschiedenen Erzählsträngen durchzogen wird. Auf mehreren Ebenen ist der Stamm durchfenstert, nimmt Gestalten auf oder bietet Halt zum Anlehnen. Im Altarretabel findet der Baum sich indirekt im toten Holz des Kreuzes wieder. Das Kreuz symbolisiert dort die Verbundenheit Gottes mit den Menschen. Zugleich steht es im Zusammenhang mit dem Wunder des Christentums: der Auferstehung. Auch die Weide in Feuchtenbergers Werk deutet auf Ewigkeit, weil beschnittene Pflanzen und Stecklinge nachwachsen.
Bei Feuchtenberger begegnet uns eine Simultandarstellung der Geschichten von Tochter, Mutter und Großmutter. Hinzu kommen die Erzählebenen der Bienen und des Zuckers. Die Bienen rahmen dabei das Geschehen ein. Bereits im alten Ägypten wurden sie als göttliche Wesen angesehen, die die Seele eines Verstorbenen zum Sonnenlicht bringen. Auch die Metamorphose vom Ei über die mumienähnliche Larve zur fertigen Imme fließt in diese Deutung ein. Das Tier lebt während der scheinbaren „Totenstarre der Larve weiter.
Rückgriff auf Geschichte(n)
Feuchtenberger bindet vorchristliche Mythen, Ereignisse der Zeitgeschichte und nicht zuletzt Archetypen aus Märchen in ihre Arbeit ein. So variiert sie in der Geschichte der Tochter das eher unbekannte Märchen Frieder und das Katherlieschen der Brüder Grimm und verbindet das Volkstümliche mit der Zukunft, der Hoffnung und der...
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aus: Kunst und Unterricht Nr. 437 / 438

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