Ansgar Schnurr

Wandlungen gestalten lernen

Straßenszene in Friedberg/Hessen: Zum Goldenen Engel – Orient de Lüx
Straßenszene in Friedberg/Hessen: Zum Goldenen Engel – Orient de Lüx, Foto: A. Schnurr

Ansgar Schnurr

Zum Prinzip Transkulturalität in der Kunstpädagogik*

Kunstpädagogik findet vor einem kulturellen Hintergrund statt, der tiefgreifend von Migration, von Phänomenen der Globalisierung, der Grenzüberschreitungen von Kulturen und deren Bildern gekennzeichnet ist. Es begegnen sich nicht nur verschiedene Kulturen Kultur an sich ist im Wandel begriffen. Für kunstdagogisches Handeln eröffnen sich Konsequenzen und Chancen, wenn der Kulturbegriff mit dem Präfix „trans erweitert wird.

Wie lässt sich Kultur vermitteln, wenn sie sich stetig verändert? Können wir in der von Migration und Globalität gezeichneten Gesellschaft noch von gemeinsamen Inhalten ausgehen? Wie können Wandel und Wanderungen an sich zum Thema kunstpädagogischer Bildung werden? Welche Rolle spielt die Kunst hierbei?
Der Begriff Transkulturalität richtet sich auf diese Erscheinungen und versucht zu erfassen, welche Dynamiken in den Wandlungs- und Vermischungsprozessen liegen.
Neue Öffnungen und neue Schließungen im Wandel des Kulturellen
Einen künstlerisch bearbeiteten Orientteppich mit ausgeschnittenem Mittelteil präsentiert Şakir Gökçebağ unter dem Titel Re-Orientation 2A (Abb. 1a, s. a. Cover). Die installative Arbeit des in Hamburg lebenden Objektkünstlers thematisiert ein zugleich sehr vertrautes wie fremdes Objekt, das kulturell reich konnotiert ist. Beinahe paradigmatisch repräsentiert der Orientteppich ob liegend, an der Wand hängend oder fliegend die westlichen Vorstellungen des Fremden und Exotischen der nahöstlich-islamischen Kultur.
Teppiche gehören zum Bild des Orients, sie verkörpern Pracht und spezifische religiöse und alltägliche Lebensweisen. In vielen Bildern und Narrationen stehen Orientteppiche für die vertrauten Bilder des „fremden Morgenlandes, das vom Orientalisten Edward W. Said kritisch als europäische Konstruktion des Orients beschrieben wurde (vgl. Said 1978, S. 9 u. S. 13).
Zugleich kündet kaum ein anderes Objekt von so mächtiger jahrhundertelanger Aneignung durch die westlich-europäische Wohnkultur, von Wanderungen und Handelsbeziehungen. Teppiche selbst wanderten als Handelsgüter, aber auch ihre Muster entstanden als Reaktion auf den globalen Markt.
Şakir Gökçebağ spielt mit diesen vielschichtigen kulturellen Konnotationen, bricht sie jedoch buchstäblich auf und „re-orientiert sie: Er zeigt keine exotisch-orientalisierende Darstellung, sondern nähert sich dem Teppich mit formalästhetischem Interesse. In seiner Installation zeigt sich das Mittelteil des Teppichs in schmalen Streifen herausgeschnitten und flach liegend auf dem unteren Rand wieder aufgestapelt (Abb. 1b ). Dem sich öffnenden Weißraum steht nun eine neu entstehende Komposition entgegen, die sich aus den gestapelten Schnittkanten zusammensetzt. Diese zeigen überraschend ein neues, stark verdichtetes Bild des Orientteppichs, das sich aus dem bestehenden Material in veränderter Weise zusammensetzt, ohne die frühere Form gänzlich zu zerstören. Die Re-Orientierung der kulturellen Stoffe bringt zur Darstellung, was für Kultur ganz alltäglich ist, nämlich ihre mehrwertige Einbettung in historische und lokale wie zugleich in aktuelle und globale Zusammenhänge; die Gleichzeitigkeit von tradierten Mustern wie von entstehenden Neu-Arrangements ihrer transformierten Versatzstücke.
Wanderungsbewegungen
Die in der künstlerischen Arbeit Gökçebağs ins Bild gerückten Phänomene der Neuorientierung kultureller Muster und Zusammenhänge spielen sich nicht nur innerhalb der Kunst ab. Sie stehen für kulturell-gesellschaftliche Entwicklungen, die für die Kunstpädagogik insgesamt von zentraler Bedeutung sind.
Es ist unübersehbar, dass sich sämtliche Kontexte, in denen sich die Kunstpädagogik entfaltet, mit erheblicher Dynamik wandeln: Dies betrifft das Feld des Gesellschaftlichen mit seinen sozialen und demografischen Strukturen im unmittelbaren Lebensumfeld wie innerhalb der Gesamtgesellschaft.
Ein wesentlicher Faktor...

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Fakten zum Artikel
aus: Kunst und Unterricht Nr. 425 / 426

Prinzip Transkulturalität

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