MICHAEL HESS | ANNA-MARIA SCHIRMER

#Diversität

Schülerarbeit (16 Jahre): Im All-over wird das gesamte Format mit einem Gewebe meist geometrischer Elemente überzogen und zu einem dichten, stimmigen Gefüge.
Schülerarbeit (16 Jahre): Im All-over wird das gesamte Format mit einem Gewebe meist geometrischer Elemente überzogen und zu einem dichten, stimmigen Gefüge. , aus dem Unterricht von Michael Heß

MICHAEL HESS | ANNA-MARIA SCHIRMER

Beispiel 3: Bernhard

Mit der Reihe #Diversität werden ausgehend von bildnerischen Prozessen individuelle Lernwege skizziert, um den Unterricht mit heterogenen Lerngruppen vom Schüler aus zu denken. Dazu werden Entwicklungsverläufe dargestellt und pädagogisch reflektiert. Im Mittelpunkt dieses dritten Beitrags der Reihe steht Bernhard, Schüler an einer Schule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung.

Bernhard ist 16 Jahr alt, als er die hier vorgestellten Bilder malt. Er lebt in einem Wohnheim und besucht die dem Wohnheim angegliederte Schule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Aufgrund diagnostischer Merkmale, wird Bernhard dem Autismus-Spektrum (s. Kasten) zugewiesen.
Autismus
Autismus
Autismus ist ein schillernder und problematischer Begriff. Ursprünglich wurde er zur Bezeichnung einer tiefgreifenden Entwicklungsstörung, die zu schwerwiegenden Wahrnehmungs-, Beziehungs- und Kommunikationsstörungen führt verwendet. Lange Zeit unterschied man nach ihren Entdeckern, dem Kinderpsychiater Leo Kanner und dem Kinderarzt Hans Asperger, zwei Hauptgruppen, Kanner- und Asperger-Autisten. Im Gegensatz zum Kanner-Autismus ist das Asperger-Syndrom nicht mit einer Intelligenzminderung verbunden, wenngleich von einer veränderten Kognition auszugehen ist.
Daneben ist in der Literatur auch von frühkindlichem Autismus, geistiger Behinderung mit autistischen Zügen, High-functioning-autism oder atypischem Autismus die Rede (Theunissen/Kulig/Schirbort 2013, S. 39).
In den letzten Jahren hat sich im Sprachgebrauch weitgehend der weniger defizitorientierte Begriff Autismus-Spektrum durchgesetzt, unter welchem die unterschiedlichen autistischen Erscheinungsformen zusammengefasst sind.
Dabei ist die Gruppe der Betroffenen äußerst heterogen und die Grenze zu sogenannt normalem Verhalten ist schwimmend.
Im Zuge neuerer Forschung wurde deutlich, dass autistische Verhaltensweisen als überlebenswichtige Strategie zur Abgrenzung, prinzipiell jedem Menschen zu eigen sind.
Der Klassifikation der ICD-10 folgend, liegt eine tiefgreifende, pathologische Entwicklungsstörung im Autismus-Spektrum dann vor, wenn qualitative Beeinträchtigungen der sozialen Interaktion und Kommunikation sowie ein eingeschränktes, stereotypes, sich wiederholendes Repertoire von Interessen und Aktivitäten zu erkennen sind (Noterdaeme/Enders 2010, S. 19).
Auf der Basis einer soliden Forschungslage kann mit großer Sicherheit von einer Wahrnehmungsbesonderheit ausgegangen werden, die sich in einer reduzierten Fähigkeit zur Generalisierung zeigt.
Während die neurotypische/normale Wahrnehmung aus einer immensen Vielzahl an Sinnesreizen in Millisekunden unangestrengt schlüssige Bedeutungsgestalten ableitet, gelingt Menschen aus dem Autismus-Spektrum diese unbewusste Strukturierungsleistung nur mit Mühe. Die Objekterkennung ist beeinträchtigt, weil sie zu genau vergleichen, zu viele Details auf einmal sehen und ihnen alle Informationen, die sie von einem Objekt aufnehmen, als gleichwertig erscheinen.
Das heißt, „dass autistische Menschen mit intakten Sinnesorganen die zahlreichen Reize aus der Umgebung zwar aufnehmen, jedoch nicht adäquat verarbeiten können. Die sensorischen Reize werden also nicht zu verständlichen Bedeutungsträgern und geben den Betroffenen damit keine Sicherheit, ihr Verhalten angemessen zu organisieren und sich auf die Außenwelt und die Anforderungen des Alltags einzustellen (Theunissen/Kulig/Schirbort 2013, S. 41). Während eine unbeeinträchtigte Wahrnehmung einen bestimmten Gesichtsausdruck als Ganzheit erkennt und problemlos mit einer bestimmten Bedeutung verbindet, ist einem autistischen Menschen diese Aussage möglicherweise kaum zugänglich (Matzies-Köhler 2015, S. 11).
Es ist leicht nachzuvollziehen, dass eine derart veränderte Wahrnehmung zu einer dauerhaften Überforderung führt, da die entlastende Selektionsleistung eben nicht erbracht werden kann....

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aus: Kunst und Unterricht Nr. 429 / 430

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