Gisela Hollmann-Peissig, Thomas Michl

Darf Lilli in Kunst mit Handschuhen arbeiten?

Gisela Hollmann-Peissig, Thomas Michl

„Das fasse ich nicht mit bloßen Händen an, schreit Lilli angewidert, als sie die breiige Masse aus Kleister und Holzleim sieht, die für die Bearbeitung ihres Objektes bereit steht.

Tasterfahrungen machen
Eigentlich ist es eine ganz normale Kunststunde. Um unsere Bauprojekte gestalten und stabil aufbauen zu können, ist das vorbereitete Material bestens geeignet. Aber es stimmt schon, dass die teigig-schleimige Anmutung Ekel hervorrufen kann. Aber gleich Latexhandschuhe zur Verfügung stellen, um mit Pappmaschee zu arbeiten? Geht es im Kunstunterricht nicht gerade um das Erfahren mit allen Sinnen? Und dass es dabei nicht immer so steril zugehen kann wie in der Arztpraxis, versteht sich doch von selbst, oder?
Immer wieder stehen wir im Kunstunterricht vor solchen Situationen. Besonders Schülerinnen und Schüler, die eine sehr intensive Reinlichkeitserziehung genossen haben, mögen sich bei der praktischen Arbeit nicht schmutzig machen. Der direkte Kontakt mit dem Material ist ihnen zuwider. Sie haben buchstäblich Angst, sich die Hände zu beschmutzen. Aber auch die Furcht vor unerwarteten, unangenehmen Tasterlebnissen mag eine Rolle spielen. Eine preiswerte und einfache Lösung hierfür könnten Einmalhandschuhe aus Latex bieten, die in der Gastronomie, in Krankenhäusern oder bei Reinigungsfirmen üblich sind. Im Kunstunterricht schränken Handschuhe aber das Tastempfinden beim Arbeiten mitunter stark ein. Bei der Beschäftigung mit Pappmaschee fehlen beispielsweise wichtige Rückmeldungen über die Veränderung von Konsistenz und Elastizität. Beim Modellieren ist die Feinmotorik unter Umständen erheblich reduziert. Minimale Falten oder Ritze können nur mit Mühe gezogen werden. Die Fähigkeit, beispielsweise kleine Papierrollen oder Kügelchen zu modellieren, ist ebenso erschwert wie das Herstellen und Erkennen von Texturen. Dasselbe gilt z.B. auch für das Arbeiten mit Ton. Handschuhe bieten auf der Ton-oberfläche einen Widerstand, der feines Arbeiten beeinträchtigt.
Handschuhe reduzieren Sinneserfahrungen
Aber es geht nicht nur um die Schwierigkeiten der Feinmotorik. Beim Arbeiten mit Handschuhen entgehen den Schülern wichtige Sinneserfahrungen, die sie im Alltag oder gar im übrigen Schulunterricht eher selten machen können. In unseren Händen befinden sich tausende unterschiedlicher Sinneszellen, die uns Informationen über Objekte geben, die wir mit dem bloßen Auge nicht bekommen. Mit den Händen erfahren wir z.B. Temperatur, Gewicht, Berührung und Druck. Diese Rückmeldungen sind wichtige Faktoren, um unsere Umwelt ganzheitlich und kompetent beurteilen zu können.
Schon Säuglinge haben das Bedürfnis, ihre Umwelt mit dem Mund und den Händen zu erfassen. Wird ihnen diese Wahrnehmungsmöglichkeit gestattet, wo sie gefahrlos ist, eröffnet dies neue Welten, die eine Grundlage zum Begreifen der Umwelt darstellt.
Über die Haut aufgenommene Sinnesreize haben darüber hinaus auch emotionale Wirkungen, erst recht, wenn Mate-rialien berührt werden, die noch unbekannt sind. Das kann Schülern Angst machen oder Ekel hervorrufen, aber auch das Gefühl von Geborgenheit und Genuss auslösen. In der praktischen Arbeit sollte möglichst vermieden werden, den Schülern unangenehme Sinneserfahrungen zuzumuten. Als Lehrperson kann man z.B. darauf achten, dass Kleister frisch verarbeitet wird, da stinkender Kleister kein Material ist, das zu einer haptischen Erkundung motiviert; zudem ist er auch noch gesundheitsschädlich.
Handschuhe als Schutz
Ein ganz anderer Punkt ist es, wenn ein zu verarbeitendes Material zu einer konkreten Gefahr für die Gesundheit werden kann. Dann müssen entsprechende Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden. So können bestimmte Werkstoffe bei manchen Schülern Allergien oder Neurodermitis auslösen, wovor Handschuhe zuverlässig schützen. Bei gröberen Bauarbeiten sind es Arbeitshandschuhe, die die Verletzungsgefahr minimieren. Aber auch hier ist es schwer, eine klare Grenze zu...

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Fakten zum Artikel
aus: Kunst 5-10 Nr. 56 / 2019

Hände

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