Gisela Hollmann-Peissig, Thomas Michl

Wie als Lehrkraft damit umgehen, ein Vorbild zu sein?

Gisela Hollmann-Peissig, Thomas Michl

Lea geht in die 8. Klasse und ist fasziniert von ihrer jungen Kunstlehrerin. Die Art, wie diese sich kleidet, wie humorvoll und nett sie in den Kunststunden agiert, mit welcher Leichtigkeit und Raffinesse die Pädagogin selbst schwierigste Motive mit Kreide an die Tafel zeichnet, begeistert die Schülerin. Da steckt sicher viel Talent dahinter So toll wie ihre Lehrerin möchte Lea auch sein!

Als Lehrkraft fühlt man sich bestimmt geschmeichelt und ist vielleicht auch ein bisschen stolz, wenn man feststellt, dass man ein Vorbild oder eine Art Idol für bestimmte Schülerinnen und Schüler geworden ist. Aber ist das pädagogisch sinnvoll?
Vorbilder und Idole
Für Kinder und Jugendliche fungieren meistens Prominente wie Social-Media-Stars oder Sportler als Vorbilder. Bei dieser Art von Vorbild man spricht hier besser von Idol wird oftmals entgegen jeder Vernunft alles angebetet und vergöttert, was mit der Person zusammenhängt: Autogramme, Fanartikel oder verschiedenste Kollektionen. Doch neben dieser eher unpersönlichen Version eines Vorbildes fungieren schon sehr früh in der Kindesentwicklung Eltern und später häufig auch Lehrkräfte als Vorbilder. Allgemein wird ein Vorbild, wie der Kunstpädagoge Georg Peez definiert, verstanden als „ein Beispiel, ein Leitbild, nach dem sich andere Menschen in ihrem Denken, ihren Wertungen und ihren Taten richten. Vorbildlichkeit kann sich auf den ganzen Menschen, jedoch häufiger auf spezielle Fähigkeiten eines Menschen beziehen. (Peez 1992)
Vorbilder in Kunst und (Kunst-)Pädagogik
Nimmt man den Begriff des Vorbildes wörtlich, lässt sich ein buchstäblicher Zusammenhang mit der Bildenden Kunst vermuten. Ein Vor-Bild ist streng genommen ein schon vorher existierendes Bild, auf das mit dem eigenen Werk in irgendeiner Art und Weise Bezug genommen wird. In der Tat ist die Kunst voll von verschiedensten Hommagen an berühmte Vorbilder. Ob nun Picasso 1957 bei seiner kubistischen Version der Meninas seinem Landsmann Diego Velázquez seine Anerkennung ausspricht oder Felix Lamouroux sich 2008 auf Flickr am Fotomotiv von Paris Montparnasse von Andreas Gursky bewundernd abarbeitet. Damit tut sich ein weiteres Merkmal auf, das weit ins Pädagogisch-Didaktische reicht: Vorbild und Nachahmung gehören eng zusammen. Nicht durch Zufall wird das „Modelllernen nach dem Psychologen Albert Bandura auch als „Vorbildlernen bezeichnet. Diese Art des Lernens meint einen Lernprozess, bei dem durch Beobachtung von Verhalten einer anderen Person eine Aneignung von Neuem stattfindet. In der Schule, gerade in praxisorientierten Fächern wie Sport, Musik oder Kunst, ist dieses Lernprinzip tonangebend. Anstatt in vielen Worten zu erklären, geht der Sportlehrer einfach ans Reck und führt der Klasse den Felgaufschwung praktisch vor. Oder die Kunstlehrerin nimmt die Holzleiste und sägt sie mit der Puksäge vor den Augen ihrer beobachtenden Schülergruppe durch.
Die Vorzüge liegen auf der Hand: Mögliche auftretende Schwierigkeiten können direkt am Material und im Vollzug der Anwendung aufgezeigt und ausgeräumt werden. Aber auch die Motivation kann durch das Prinzip des „Vormachens Nachmachens gesteigert und Hemmungen abgebaut werden. Dies hat schon der Kunstpädagoge Gert Selle in seinem Buch „Gebrauch der Sinne bei einer seiner Übungen, die er mit seinen Lernenden durchführte, festgestellt: „Am Anfang zögern alle. Dann nützt keine Begründung und Empfehlung. Man muß sich vor den Zweifelnden () selber flach auf den feucht-mulmigen Waldboden legen (). (Selle 1993)
Vorbild und Modell
Bei genauem Hinsehen stellt man fest, dass das Vorbild über das bloße Modell hinausgeht. Während beim Modelllernen die kognitiven Aspekte überwiegen, spielt beim Vorbild die affektiv-emotionale Seite die Hauptrolle. Darüber hinaus ist „Vorbild-Sein eher ein überdauerndes, stabiles und internales Attribut der Persönlichkeit, während die Funktion des Modells vielmehr zeitlich...

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Fakten zum Artikel
aus: Kunst 5-10 Nr. 61 / 2020

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