Gisela Hollmann-Peissig, Thomas Michl

Was tun, wenn Mario die ganze Zeit vor sich hinkritzelt?

Gisela Hollmann-Peissig, Thomas Michl

„Pass jetzt endlich mal auf, wenn ich euch das nächste Thema erkläre, ruft der Kunstlehrer Mario zu. Dieser aber ist vollkommen abgetaucht und kritzelt scheinbar geistesabwesend Kringel, Kreise und Kästchen in sein Heft. Zwar macht er etwas, was mit dem Fach Kunst zumindest zu tun hat, aber so richtig passt es doch nicht in den Unterricht, oder?

Jede Lehrkraft kennt das Phänomen: Kritzeleien, die die Ränder von Hefteinträgen oder Deckblätter von Blöcken und Schulheften schmücken. Oder Schülerinnen und Schüler, die anstatt dem Unterricht zu folgen sich in ausuferndem Gekritzel verlieren und sich förmlich aus dem Unterricht ausklinken.
Mögliche Gründe für die Kritzeleien
Das Kritzeln spielt als eine der ersten Formen des Zeichnens in der Genese der Zeichenentwicklung und im Kontext von motorischem Handeln, Vorstellungsbildung und Denken eine entscheidende Rolle. So fangen die meisten Kleinkinder an, zu kritzeln, sobald sie fähig sind, einen Stift (oder eine Kreide oder Ähnliches) zu halten. Die Anlässe für das beiläufige Kritzeln in späteren Jahren heutzutage oft „Doodlen genannt sind vielgestaltig: Mal schweifen die Gedanken während eines Telefonats ab und manifestieren sich in kleinen, fantasievollen Skizzen, mal steht die Lust, eine Spur auf dem Papier zu hinterlassen im Vordergrund, während das Motiv eine untergeordnete Rolle spielt. Man kann annehmen, dass in der Schule die Kritzelanlässe ähnlichen Ursprungs sind. Vielleicht kommen auch noch Langeweile und eingeschränkter bzw. verhinderter Bewegungsdrang dazu. Denn der Mensch ist von Natur her auf Bewegung ausgelegt, die in der Schulbank sitzend nicht ausgelebt werden kann, sodass sich im statischen Unterricht zumindest die Hand, quasi als Ausgleich oder Stellvertreterin dieser eingeschränkten Bewegung, motorisch-zeichnerisch ausagieren möchte. Einen weiteren, damit eng verbundenen, Grund vermuten wir in der Flucht vor langweiligem und unangenehmem Unterricht. Da physisch praktisch kein Entkommen möglich ist, finden die Realitätsfluchten der Schüler möglicherweise stellvertretend auf dem Blatt Papier statt. Während die einen anfangen, vor sich hin zu träumen, zu dösen oder sich heimlich unter dem Tisch mit ihrem Smartphone beschäftigen, stehlen sich die anderen im Zeichnen aus der Situation.
Häufige Themen und Motive
Bezogen auf die Themen des Kritzelns, wird der assoziative Blick meist auf bereits Vorgegebenes gelenkt, was dann zum Auslöser der zeichnerischen Handlung wird. Schon das Karomuster des Matheheftes oder die Lineatur eines unausgefüllten Arbeitsblattes können als Anregung dienen, einfache Weiterführungen vorzunehmen, Strichlagen auszuprobieren oder ornamentale Figurationen zu entwerfen. Erste, meist bewusst gesetzte, Zeichenimpulse werden bei diesen Motiven mit fortschreitendem Kritzeln in der Regel mehr und mehr zu repetitiven, fast ins Meditative gesteigerten, Zeichenhandlungen. Damit geht fast immer ein Gefühl der Entspannung und Zufriedenheit mit der Tätigkeit einher. Beinahe könnte man hier beim Kritzeln von einem meditativen Tun oder kreativem Flow sprechen, denn so unproduktiv und deplatziert im Unterricht es auf den ersten Blick erscheinen möge, ist doch unbestreitbar, dass dieses Tun den Schülern als Erholungsschleifen im Laufe eines langen Schulvormittags dienen kann. Manche Psychologen sind sogar der Meinung, dass das „Doodlen die Konzentration in besonderem Maße aufrechterhält ähnlich wie das Stricken, das sich vor vielen Jahren im Unterricht großer Beliebtheit erfreute. Wenn mit dem Ziel eines Motivs gekritzelt wird, entstehen die Bilder im Normalfall etwas bewusster und überlegter. Als Anregung dafür dienen Jugendlichen in der Regel allgemein anerkannte Klischee- und Schemazeichen. Aber auch persönliche Vorlieben, Interessen und das Anzeigen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe können eine Rolle beim „Doodlen spielen. Es verwundert daher nicht, dass hier...

Friedrich+ Kunst

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Fakten zum Artikel
aus: Kunst 5-10 Nr. 57 / 2019

Ornament

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 5-10