Dietrich Grünewald

Ohne Worte!

Schülerarbeit (Kl. 9 u. 11): Textfreie Bildgeschichte "Super Family" (Ausschnitt)
Schülerarbeit (Kl. 9 u. 11): Textfreie Bildgeschichte "Super Family" (Ausschnitt), aus dem Unterricht von Daniela Kaufmann

Dietrich Grünewald

Textfreie Bildgeschichten

Bildgeschichten, die ohne erklärende Bei-Texte und ohne Sprechblasen auskommen, stellen hohe Anforderungen an Gestaltung wie Rezeption. Mit ihnen angemessen umzugehen, erfordert entsprechende produktive wie rezeptive Kompetenzen des Bildverstehens, die im Kunstunterricht angebahnt werden können.

Der Umgang mit textfreien Bildgeschichten sensibilisiert für die narrative Erzählkraft von Bildern: inhaltlich, atmosphärisch-emotional, symbolisch. Er fordert eine achtsame, aktiv-deutende Rezeption. In Zeiten der medialen (elektronischen) Bilderflut, was sich auf Rezeption wie vor allem fotografische Produktion bezieht, ist ein bewusster Umgang mit Bildern, eine bewusste Entschleunigung und ein Überprüfen und Bewusstmachen der dazu nötigen Prozesse eine wichtige übertragbare Erfahrung.
Da die Schülerinnen und Schüler selbst meist nur eine eingeschränkte Kenntnis von Bildgeschichten haben, ist es eine wichtige Aufgabe des Kunstunterrichts, sie mit einem breiten Beispielangebot vertraut zu machen, ihren Horizont zu erweitern und sie zu ermutigen, weitere eigene Erfahrungen zu suchen.
Geschichten ohne Worte
Betrachterinnen und Betrachter unseres Kulturkreises verfolgen eine Bildgeschichte gemäß der Gewohnheit, von links nach rechts, von oben nach unten zu lesen.
So wird bei der Bildergeschichte von Wilhelm Wendling in den sechs umrandeten Paneln (P) der Bewegungsprozess des dargestellten Strichmännchens nachvollzogen (Abb. 1 ): Die Figur schleudert eine Kugel, lässt sie aber nicht los, sodass der Schwung sie mitreißt, sie in P4 gar nach oben aus dem Bildrahmen zieht und man nur noch die Füße sehen kann. In P5 lässt die Schwerkraft die Figur wieder aus der Höhe abstürzen und dann am Boden aufschlagen (P6). Das erinnert an Hammerwerfen und Der Hammerwerfer heißt dann auch die Überschrift.
Obwohl nur ein Strichmännchen: Die bewegte Körpersprache wie die Positionierung in den Bildkästen lassen uns anschaulich mitempfinden, was hier passiert. Die sparsamen, aber doch hinreichenden, Mittel locken die mitspielende Fantasie des Betrachters. Dieses Beispiel demonstriert: Selbst mit einfachsten Mitteln ist eine Geschichte nur in Bildern und ohne Worte verständlich zu erzählen.
Theater auf Papier
William Hogarth, der mit seinen modern moral subjects der Bildgeschichte im 18. Jahrhundert neue Impulse verliehen hat (Hinz/Krug 1980), schrieb zu seiner Kunst: „Mein Wunsch war, auf Leinwand Bilder wiederzugeben, die den Aufführungen auf der Bühne gleichen []. Mein Ziel war, meinen Stoff zu behandeln wie ein Dramatiker. Mein Bild ist meine Bühne und Männer und Frauen sind meine Schauspieler, die durch gewisse Gesten und Stellungen ein stummes Spiel vorführen. (Hogarth 1753, zit. 1914, S. 12) Diese Analogie zum Theater zeigen auch die Wendling-Geschichten:
Wie in den Bühnenkasten der Theaterbühne schaut der Betrachter ins umrahmte Panel. Während Hogarth diesen „Bühnenraum entsprechend ausgestaltet, z.B. mit „Kulissenelementen den Handlungsort beschreibt, bleibt bei Wendling das Handlungsfeld weiß. Hier sind auch keine weiteren Informationen erforderlich. Der Betrachter kann den Ort des Geschehens im Kopf entsprechend ausmalen. Und dieses Geschehen wird durch die Körpersprache der Akteure, durch Pose, Mimik und Gestik, vermittelt (vgl. Rehm 2002; Reutler 1986).
Rollenkennzeichnung durch Attribute
„Eine historia [eine Bilderzählung], so formulierte Leon Battista Alberti 1435, „wird dann das Gemüt der Betrachter bewegen, wenn die im Bild dargestellten Menschen selbst starke Gemütsbewegungen zeigen. Die Natur, in welcher nichts zu finden ist, das sich mehr anzöge als das einander Ähnliche, sorgt dafür, dass wir weinen mit dem Weinenden, lachen mit dem Lachenden und trauern mit dem Traurigen. Diese Gemütsbewegungen aber erkennt man aus den Körperbewegungen. (Della Pittura Libri II, n. Rehm 2002, S. 56)
Schauspieler auf der Bühne spielen eine...

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Fakten zum Artikel
aus: Kunst und Unterricht Nr. 437 / 438

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