Wolfgang Ullrich

Kann man Äpfel mit Birnen vergleichen?

Wolfgang Ullrich

Kunstreligion als Vandalismus

Sind Selfies tatsächlich Zeichen für einen Kulturverfall? Wie sinnvoll ist es, Bilder losgelöst von ihrem jeweiligen Kontext zu präsentieren? In diesem Beitrag werden Überlegungen zu diesen Fragen ausgebreitet ausgehend von Dürers Werk Selbstbildnis im Pelzrock.

Seit einigen Jahren haben Gesellschaftskritiker und Kulturpessimisten ein neues Lieblingsthema. Den Niedergang von Geist und Moral verkörpert für sie kaum etwas besser als die Unmenge an Selfies, die in den Sozialen Medien sowie diversen Apps zirkulieren. Um zu demonstrieren, dass Selfies besonders schlimm, banal, derb, narzisstisch sind stellen sie ein Selfie bevorzugt ein feixendes Gesicht mit weit aufgerissenen Augen oder herausgestreckter Zunge einem Selbstporträt aus der Geschichte der Kunst gegenüber. Und welches Werk könnte für diesen Vergleich passender sein als Albrecht Dürers Werk Selbstbildnis im Pelzrock aus dem Jahr 1500? Der ernste Gesichtsausdruck und die strenge Achsensymmetrie, in der Dürer sich ins Bild setzt, lassen den Porträtierten als Verkörperung eines zeitlosen Ideals des Menschen erscheinen. Der Gegensatz zwischen Selbstporträt und Selfie ist also schlagend: Tiefe gegen Albernheit, Geist gegen Geistlosigkeit, Meisterschaft gegen Anspruchslosigkeit.
Doch ist dieser Gegensatz vielleicht nur deshalb so schlagend, weil hier etwas miteinander verglichen wurde, das geht man seriös vor gar nicht miteinander verglichen werden dürfte? Nur weil in beiden Fällen Menschen Bilder von sich selbst gemacht haben, erlaubt das nämlich noch lange nicht, diesen Bildern gegenüber dieselben Erwartungen zu hegen. Müsste man nicht vielmehr auf Entstehungsbedingungen, Intentionen und Funktionen jedes Bildes achten, bevor man einen Vergleich startet? Tatsächlich macht ein Vergleich nur Sinn, solange er auf der Grundlage von Gemeinsamkeiten stattfindet. Unterschiede sind nicht interessant, wenn nicht die Ähnlichkeiten überwiegen.
Selfies als Teil einer Life-Kommunikation
Was aber sollte zwischen Dürers Selbstbildnis und einem beliebigen Selfie ähnlich sein? Würden diejenigen, die sich zu einem Vergleich zwischen beidem hinreißen lassen, zusätzlich zu den Fotos die Kontexte zeigen, in denen Selfies auftauchen, ließe sich schnell erkennen, wie wenig diese mit Selbstporträts der Kunst zu tun haben. Dann sähe man Hashtags, Emojis oder kurze Textkommentare in Verbindung mit den Bildern; man sähe, dass ein Selfie die Antwort auf ein anderes Selfie oder an eine bestimmte Person oder eine Gruppe von Leuten adressiert ist; man sähe es in einer Abfolge von Bildern auf einem Account; man sähe es innerhalb des Designs und der Infrastruktur einer App, die vielleicht sogar dadurch gekennzeichnet ist, dass sich alles, was über sie gesendet wird, nach kurzer Zeit wieder löscht. In jedem Fall aber sähe man, dass Selfies fast immer Bestandteil einer mit Digitaltechnik betriebenen Live-Kommunikation sind. Meist haben sie eine klare Aussage und Botschaft: Wer ein Selfie sendet, teilt seinen momentanen Gefühlszustand mit, macht einen Witz, signalisiert, wo und mit wem gerade Zeit verbracht wird, bringt eine Botschaft zum Ausdruck, die mit Worten nur missverständlicher oder komplizierter zum Ausdruck gebracht werden könnte.
Ein Selfie mit einem Selbstporträt à la Dürer zu vergleichen, ist also ungefähr so, als vergliche man einen zufällig aufgeschnappten Dialog in einer Straßenbahn mit einer Passage aus Friedrich Schillers Don Carlos. Man kann das machen. Unfair und absurd wird der Vergleich jedoch, wenn man ihn dazu nutzt, für die letzten Jahrhunderte einen Kulturverfall zu konstatieren oder der Gegenwart besondere Oberflächlichkeit zu unterstellen.
Bildpräsentationen im jeweiligen Kontext
Aber nicht nur Selfies müssten zusammen mit ihrem jeweiligen Umfeld präsentiert werden. Dies gilt genauso für ein Kunstwerk wie Dürers Selbstbildnis aus der Alten Pinakothek. Man mag einwenden, dass es dort...

Friedrich+ Kunst

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Fakten zum Artikel
aus: Kunst und Unterricht Nr. 417 / 418

Kunst. Geschichte begegnen

Friedrich+ Kennzeichnung Hintergrund Schuljahr 10-13