Jan Schmolling | Lars Zumbansen

Jugend Fotografie Heimat

Miriam Hüning (*1989): aus der Serie Feldhausen goes Hollywood
Miriam Hüning (*1989): aus der Serie Feldhausen goes Hollywood, © Miriam Hüning –/–Deutscher Jugendfotopreis 2010

Jan Schmolling | Lars Zumbansen

Bildnerische Verortungsprozesse

Fotografie durchdringt heutzutage alle Lebensbereiche und ist deren immanenter Bestandteil. Fotografie ist ein Medium, mit dem sich persönliche Lebensentwürfe gestalten und vermitteln lassen. Für Jugendliche bedeutet Fotografie u.a. Stilfindung und Welterkundung. Dies birgt ein großes Potenzial für den Einsatz im Kunstunterricht.

Ein Grund für die wachsende Bedeutung des Mediums Fotografie liegt in der Digitalisierung. Die analoge Fotografie war in der praktischen Ausübung einst ein Betätigungsfeld für Experten, Profis und engagierte Hobbyfotografen. Die vielfältigen Varianten der digitalen Fotografie und Bildgebung sind inzwischen eine alltäglich praktizierte Ausdrucksform mit großem künstlerischen Potenzial. Diese Ausdrucksform ist mit ganz unterschiedlichen und zumeist positiv besetzten Werten nicht nur konnotiert, sondern geradezu aufgeladen. Die Ich- oder Wir-Inszenierung, die subjektiven Blicke auf die Lebenswelt, die Produktion von Kunst: Fotografie ist für Jugendliche ein Instrument, mit dem sie Kreativität und Kommunikation ausleben können.
Eine große Rolle spielt dabei auch die Dokumentation von als wichtig empfundenen Situationen. Fotografien dienen somit auch der Konservierung von Erinnerungen und können dabei helfen, essenzielle Erlebnisse zu verarbeiten (Abb. 1 ). Der Wunsch nach Annäherung und Distanzierung, Differenzierung und Zusammengehörigkeit, Aufzeigen von Visionen und Verweis auf das zu Bewahrende, Erprobung von Kunst und Technologie: Die Motivationen, warum sich Jugendliche der Sprache der Bilder bedienen, sind höchst vielfältig.
Bei der Betrachtung der Perspektiven dieses Mediums für die Kunstpädagogik ist es daher folgerichtig, den sinn- und stilbildenden Faktor des Mediums zum Ausgangspunkt zu wählen, um von den Interessen und Kompetenzen junger Menschen ausgehend die Entwicklung der Bildkultur zu fördern (Abb. 2 ).
Allerdings gilt es, eine Fokussierung dieses facettenreichen jugendkulturellen Interessenfeldes für das Heft vorzunehmen sowohl aus allgemein pädagogischer, als auch aus fachbezogener Sicht. Ausgeblendet werden popularisierte Formen rein körperzentrierter Bildkommunikate, die in konventionellen Selfie-Praxen kulminieren und damit in eine globale semantische Konditionierung von Gesichtsausdrücken und Haltungen münden (vgl. Ullrich 2015, S. 41).
Stattdessen sind immer auch die Umwelten, welche die Heranwachsenden betreffen, als notwendige situative Bedingungen ästhetischer Selbstvergewisserung in den Blick zu nehmen (vgl. Zumbansen 2008, S. 36). Im Sinne des „spatial turn lässt sich Raum nicht mehr als bloß materieller Hintergrund für soziale Prozesse auffassen, sondern als durch Wahrnehmungs-, Vorstellungs- und Kommunikationsprozesse erzeugte Kategorie (vgl. Löw u.a. 2007, S. 51). Eine fotografische Auseinandersetzung von Schülerinnen und Schülern mit ihrem unmittelbaren Lebensraum vermag daher wesentlich tiefere Einsichten in individuelle wie gemeinsam geteilte Wertewelten zu eröffnen, als der isolierte Blick in den Spiegel oder auf das zu einem solchen umfunktionierten Display des Smartphones.
Heimat(en)
Fast ein Viertel der Menschen, die in Deutschland leben, hat nicht nur einheimische Wurzeln; die Anteile in West- und Ostdeutschland liegen bei ca. 27 bzw. ca. sieben Prozent. Der Anteil der Kinder unter fünf Jahren mit einem Migrationshintergrund liegt derzeit bei ca. 40 Prozent (http://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61646/migrationshintergrund-i).
Für die pädagogische Beschäftigung mit dem Thema „Heimat sind diese Fakten ausgesprochen relevant. Zugleich eröffnen sie der Bildungsarbeit mit dem künstlerischen Medium Fotografie große Chancen, indem bei der Auseinandersetzung mit der eigenen Lebenswelt die visuell-nonverbalen Ausdrucksformen einen besonderen Stellenwert erhalten. Diese Situation markiert die offensichtliche...

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aus: Kunst und Unterricht Nr. 431 / 432

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