Johannes Kirschenmann I Ann-Jasmin Ratzel

Im Sog des Bilderstroms

… sich in einer von Medien dominierten Welt orientieren und positionieren
… sich in einer von Medien dominierten Welt orientieren und positionieren, © Franz Stein 2017

Johannes Kirschenmann I Ann-Jasmin Ratzel

Algorithmische Choreografien des Bildes im digitalen Dispositiv

Medienbildung ist ein zentraler Teil der Kunstpädagogik, der sowohl gestalterisch als auch rezipierend dazu verhilft, sich in einer von Medien dominierten Welt zu orientieren und (selbst-)bewusst zu positionieren. Für diese These werden im Folgenden aus dem wirren Geflecht des digitalen Rhizoms vielschichtige Begründungen aufgefächert.

Das Smartphone ist immer dabei! Im Schnitt 88 mal am Tag wird das Display aktiviert, 35 mal davon, um Uhrzeit oder den Eingang von Nachrichten zu prüfen, 53 mal zum Surfen, Chatten oder für andere Apps so der Befund aus dem Menthal-Balance-Projekt der Universität Bonn (https://menthal.org). Der rasche Griff und flüchtige Blick zum Smartphone mit seinen Apps wird in die Alltagsroutinen integriert.
Schon lange steht nicht mehr die Frage im Raum, was wir mit der neuen, digitalen Technik anstellen, sondern was die Applikationen hinter der Oberfläche der bunt-leuchtenden Buttons mit uns machen.
In China ist die digitale Technik bereits deutlich tiefer in die Gesellschaft eingegraben: „Mehr als 44 Regierungsstellen haben sich zusammengeschlossen, um Regelbrecher auf möglichst vielen Ebenen zu benachteiligen, lässt sich Xiang der Chef der Vollzugsabteilung des obersten Gerichtshofes in Peking zitieren. Und das hat Folgen. Wer mit der Rückzahlung eines Kredites säumig ist, dem wird der chipkontrollierte Zugang zu Bahn und Flugzeug verweigert (FR vom 20.2.2017).
Bald wird ein Social Score das Verhalten im Internet bis zum Straßenverkehr bündeln und Einfluss nehmen bei der Wohnungsvergabe oder Kreditwürdigkeit. Das Datentracking der Smartphones wird auch hier die Quantifizierung des Sozialen als Ranking vorantreiben.
Da könnte das Strategiekonzept der Kultusministerkonferenz zur „Bildung in der digitalen Welt vom Dezember 2016 gerade zur rechten Zeit kommen (KMK 2016). Und das Bundesland Bayern wird bei der Rückkehr zum G9 ab 2018 im Gymnasium das Pflichtfach Informatik einführen.
Doch hinter den „Computerkompetenzen der KMK, die ihre Einführung hoffnungsspendend ganz im Geiste der Klafkischen Orientierung von Bildung an Teilhabe und Zukunftsfähigkeit ausgerichtet hat, bleibt nicht viel mehr als eine affirmative Adaption an wirtschaftliche Anforderungen der Technikbedienung Tippen in Word, Zahlen in Excel und, als kritisches Bildungsziel, Funde aus der Google-Recherche bewerten.
Die KMK möchte die von ihr verkürzt und einseitig definierte IT-Bildung immerhin nicht an ein Fach delegieren, sondern sieht dies als Aufgabe aller Fächer und fordert deshalb eine Akzentuierung in der Lehreraus- und -fortbildung. Doch der fromme Wunsch hat kein Curriculum, das dem digitalen Dispositiv nur annährend gerecht würde.
Schlaglichter zum digitalen Dispositiv
Der Begriff Dispositiv folgt Michel Foucault, der damit u.A. das soziale Verhalten infolge eines unsichtbaren Regelwerkes in einem Netz von Verbindungen und Knoten als Metapher umschrieb. All dies konfiguriert in seiner strukturalen Gesamtheit eine normative Ordnung, die außerhalb demokratisch legitimierter Strukturen sichtbar und noch mehr unsichtbar Macht ausübt.
Das Smartphone ist das am weitesten verbreitete Gerät im Ensemble all der Werkzeuge von Big-Data, ergänzt um Fitnessbänder, um Sensoren und Steuerungsgeräte der Haustechnik, um biometrische Scanner, um Überwachungskameras. Sie alle regeln und steuern als zusammenwirkende Instrumente im digitalen Dispositiv die leitenden Denk- und Handlungsstrukturen. Sie geben Weisung und Orientierung in einer Gesellschaft, die ihren Mitgliedern in der tagtäglichen Identitätskonstruktion die höchsten Freiheitsgrade im fortwährenden Auswählen aus den Multioptionen gewährt. Gegenüber den einzelnen Instrumenten von Big-Data vereint das Smartphone geradezu omnipotente Funktionen: Es dient der Bildgenerierung und Bildverteilung, es ist Interface zum...

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aus: Kunst und Unterricht Nr. 415 / 416

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