Johannes Kirschenmann | Ernst Wagner

Verortungen aus der Zukunft

Johannes Kirschenmann | Ernst Wagner

Mit einem Symposion unter dem Titel „Verortungen aus der Zukunft wurde Ernst Wagner im Frühjahr 2018 in den Ruhestand verabschiedet. Im Gespräch mit Johannes Kirschenmann zieht Wagner Bilanz und wagt eine Perspektive für die Kunstpädagogik.

JK: In letzter Zeit richtet sich Dein Fokus auf interkulturelles Lernen, aktuell leitest Du an der Akademie der Bildenden Künste München Projekte mit Südafrika, Ghana und Hongkong. Woraus resultieren die Notwendigkeiten für solche Forschungsprojekte?
EW: Es geht darum, dass wir mit Partnern außerhalb Europas ins Gespräch kommen, welche Inhalte die Kunstpädagogik der Zukunft haben sollte: eine Verortung im Zeitalter der Globalisierung. Da reicht eine Beschränkung auf deutsche Perspektiven einfach nicht mehr, selbst wenn durch Migration die Welt in Deutschland längst angekommen ist. Ein Beispiel: Vor einem Jahr startete ich ein Schreibprojekt mit Kolleginnen und Kollegen u.a. aus Ägypten, Sambia, Japan, Indien, Brasilien und Singapur. Unsere Ausgangsfrage war: Mit welchen fünf Bildern würde ich die Bedeutung des Kunstunterrichts in meinem Land in einem Vortrag vor Erstsemestern begründen? Spätestens da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Die eigentliche Diversität liegt im Internationalen. Es war wirklich eine verrückte Erfahrung, wie unterschiedlich die Verständnisse sind, sodass wir uns die Frage stellen müssen, ob wir uns innerhalb unserer globalisierten Community überhaupt verstehen können. Da wir aber miteinander kommunizieren, z.B. innerhalb der International Society for Education through Art (InSEA), scheint es doch einen gemeinsamen Kern zu geben. Die Unterschiede und das Gemeinsame herauszufinden, und wie wir darüber sprechen können, das ist das Ziel der Projekte. Die Erkenntnisse, die wir dabei gewinnen, werden einen enormen Einfluss auf eine diversitätsbewusste Kunstpädagogik auch bei uns in Deutschland haben. Wir müssen es endlich schaffen, unseren Horizont zu weiten, v.a. indem wir mit den Anderen sprechen, und nicht über Andere.
Aufgaben des Kunstunterrichts
JK: Wie kann Kunstpädagogik dazu in der Schule agieren, ohne völlig zu dilettieren und sich mit dem Aufruf von Ai Weiweis Coca Cola Vase (2014) zufriedengeben? Was konkret braucht es im Studium der Kunstpädagogik und was braucht es konkret im Unterricht?
EW: Die Vase von Ai Weiwei ist ja gar keine schlechte Metapher. Da knallen zunächst zwei Welten aufeinander. Aber, diese chinesischen Vasen aus der Han Dynastie gibt es zu tausenden, die sind auf dem Markt relativ billig zu haben. Für Cola gilt das gleiche. Doch dann pappt ein Künstler beides zusammen, und es sieht auch noch gut aus, und schon gibt es einen ungeheuren Wertzuwachs. Natürlich steckt da noch mehr drin, aber schon auf dieser oberflächlichen Ebene zeigt das Beispiel, dass in transkultureller Hybridität ein ganz schönes Potenzial steckt. Dass das in der Geschichte schon immer so war, ja, dass wir Kultur gar nicht anders fassen können dafür ein Bewusstsein zu schaffen, wäre m.E. Aufgabe des Kunstunterrichts, gerade heute, wo überall auf der Welt wieder Mauern hochgezogen werden und viele meinen, Grenzen würden helfen, Identitäten zu bewahren.
Und das muss man exemplarisch an ein paar Beispielen durchdrungen haben. Da ist sicher zunächst das Studium gefordert. Dilettieren ist dabei nicht falsch. Was ich als Lehrer gelernt habe, ist, dass alles damit beginnt, dass ich Liebhaber das ist ja der ursprüngliche Sinn von Dilettant von etwas bin. Und dass ich mir das dann Notwendige auch draufschaffen kann und muss.
Digitale Bildung
JK: Früh hast Du Dich noch als Lehrer um den Computer im Kunstunterricht gekümmert. Seither sind zwei Dekaden vergangen. Welche Aufgaben und Konzepte siehst Du für eine aktuelle Kunstpädagogik im Kontext einer Bildung im Digitalen?
EW: Das war in den 1990er-Jahren auch so eine Dilettanten-Geschichte. Wie wurden wir angegriffen! Ich kann mich...

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aus: Kunst und Unterricht Nr. 431 / 432

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