Pia Brüner

Interkulturelle Begegnungen

Pia Brüner

Kunst als Katalysator für gemeinschaftsbildende Prozesse

Anhand des interkulturellen Projekts YouthNet an den Pinakotheken München werden positive Aspekte, aber auch problematische Momente in der Arbeit mit interkulturellen Gruppen beschrieben. Dieser persönliche Bericht aus der Praxis einer Kunstvermittlerin gibt auch methodische Anregungen.

Spätestens seit der Flüchtlingswelle 2015 ist die Arbeit mit interkulturellen Gruppen in der Schule und im Museum sehr aktuell geworden. Diverse Publikationen geben Hinweise für den Umgang mit kulturell gemischten Gruppen. Doch wie sieht die Praxis genau aus? Was passiert, wenn sich Jugendliche unterschiedlichster Herkunft gemeinsam mit Kunst beschäftigen? Wo liegt der Mehrwert für alle Beteiligten? Wie kann die Auseinandersetzung mit Kunst zu einem gemeinschaftsbildenden Prozess führen?
Das Projekt
YouthNet versteht sich als interkulturelles und interreligiöses Jugendnetzwerk. Die zentralen Anliegen des Projektes sind aktive Integration, ein tolerantes Miteinander in unserer Gesellschaft und die Vermittlung von Teamfähigkeit.
Jedes Schuljahr wird über einen Zeitraum von sechs Monaten ein projektbezogenes Programm für Jugendliche im Alter von 15 bis 20 Jahren durchgeführt. Die Teilnehmenden mit christlichem, muslimischem, jüdischem, ezidischem und anderem Glauben stammen aus Deutschland und zahlreichen weiteren Ländern. Sie sind einheimisch, haben Migrationshintergrund und/oder Fluchterfahrung. Manche sind seit vielen Jahren in Deutschland, andere gerade hierher gekommen. Einige sprechen deutsch, viele sind erst dabei, es zu lernen.
Das Kennenlernen dieser heterogenen Gruppe erfolgt in mehreren Schritten. Neben gemeinsamem Kochen und Klettern stehen in den ersten Wochen Workshops zu nonverbaler Kommunikation und Körpersprache auf dem Programm. Erst dann startet das eigentliche Kunstprojekt, das im Schuljahr 2018/19 in Kooperation mit der Kunstvermittlung der Pinakotheken stattfand. Die Auseinandersetzung mit Kunstwerken, die Umsetzung einer persönlichen Botschaft in einer Fotocollage und die große Abschlusspräsentation im Museum bewirken, dass sich die Jugendlichen intensiv kennenlernen und als Team ein gemeinsames Erfolgserlebnis haben.
Begegnung mit der Kunst
Für einen Rundgang durch die Alte Pinakothek sowie die Pinakothek der Moderne steht uns ein ganzer Nachmittag zur Verfügung: mehrere Stunden, in denen ich diese gemischte Gruppe davon überzeugen möchte, dass Kunst etwas Spannendes und für jeden Einzelnen Bedeutendes sein kann.
Als wir das große Foyer der Alten Pinakothek betreten, legt sich ehrfürchtiges Schweigen über die Gruppe. Obwohl jede Menge andere Menschen um uns herumstreifen dieser Ort flößt Respekt ein.
Persönlicher Zugang
Ich nehme mich in diesem Moment als Vermittlerin völlig zurück, versuche, den Ort und die Atmosphäre gemeinsam mit der Gruppe wahrzunehmen und nicht in die Rolle der allwissenden Anführerin zu schlüpfen. Und so beginne ich mein Mantra des Tages: „Dieser Ort, das Museum, ist für alle da. Er gehört euch Jugendlichen genauso wie allen anderen Besucherinnen und Besuchern. Es ist richtig, dass ihr hier seid. Alles, was ihr vor den Werken denkt und fühlt, ist richtig. Es gibt kein Falsch. Kunst kann jedem Menschen etwas sagen, egal, welcher Herkunft, Religion und mit welchen Vorerfahrungen.
Genau diese Vorerfahrungen sind es aber, die dann zunächst doch den Unterschied machen. So sind in der YouthNet-Gruppe Jugendliche, die zum ersten Mal ein Museum betreten und offensichtlich Berührungsängste haben, aber auch Teilnehmende, die sich bereits sehr gut mit Kunst auskennen und natürlich als Erste das Wort ergreifen.
Doch ich beharre auf meiner Einleitung und wiederhole an diesem Nachmittag mehrfach: „Heute geht es darum, was jeder Einzelne von euch denkt und fühlt ganz unabhängig davon, was sich der Künstler bei dem Werk gedacht hat oder aus welcher Epoche es stammt. Welche allgemeinen...

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Fakten zum Artikel
aus: Kunst und Unterricht Nr. 437 / 438

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