Franz Billmayer

Die Angst der Kunstpädagogik vor der Pragmatik

Franz Billmayer

Mit der Digitalisierung ist die visuelle Seite medialer Kommunikation zu einer Kulturtechnik geworden. Hier geht es um die Frage, warum die Kunstpädagogik diese Herausforderung ignoriert.

Der „pictorial turn ist bei jedermann angekommen. Es gibt fast so viele Mobiltelefonanschlüsse (6,8 Mrd.) wie Menschen. Im Jahr 2017 haben in Deutschland 69% der Bevölkerung Smartphones genutzt. Alle Geräte haben Kameras. Bilder lassen sich damit machen, verschicken und empfangen. 2015 wurden täglich auf sozialen Medien 3,2 Mrd. Fotos geteilt. 2016 gab es weltweit 2,6 Mrd. Online-Spieler. Wolfgang Ullrich schreibt hier von Bildersozialismus (Ullrich 2017).
Auch bei Texten sind Produktions- und Distributionsmittel in den Händen aller: Büromitarbeiter gestalten Flyer, Eltern Einladungskarten für Kindergeburtstage, Salesmanager präsentieren mit PowerPoint und Prezi. Dabei sind sie von enormen Wahlmöglichkeiten gefordert: Bildauswahl, Schriftarten, -schnitte und -größen, Einteilung der Fläche, der RGB-Farbraum die visuellen Gestaltungsressourcen sind riesig.
DTP (Desktop Publishing) hat die visuelle Kommunikation zu einer Kulturtechnik und damit zu einer Herausforderung für die Schule gemacht (Billmayer 2015). Zur Orientierung braucht es Regeln, die sich im Unterricht lernen lassen.
Ähnlich war es, als mit dem Buchdruck Lesen und Schreiben Kulturtechniken wurden. Die Regeln der Sprache wurden in Grammatiken zusammengefasst.
Wie so etwas für die visuelle Kommunikation ausschaut, ist eine spannende Frage. Erst allmählich entwickeln sich Orientierungshilfen wie: zwei, maximal drei Schriftarten verwenden, Unterstreichungen vermeiden usw. Das meist implizite professionelle Wissen muss explizit werden.
Wie reagiert die Kunstpädagogik?
Die Schule reagiert nur langsam auf diese Entwicklung, der Kunstunterricht stellt sich vorsorglich tot. Das zeigt ein Blick in aktuelle Schulbücher und Fachzeitschriften. Eine Ausnahme macht das Themenheft „Informieren und Präsentieren der Zeitschrift KUNST + UNTERRRICHT (K+U 401/402//2016). Die vorgeschlagenen praktischen Aufgaben haben sich allerdings noch kaum aus dem Umfeld der Schulkunst gelöst. Das liegt einmal daran, dass die Aufgaben meist handwerklich bearbeitet werden.
Aber auch die gestellten Probleme hinterlassen diesen Eindruck. Die Aufgaben zum Layout (ebd., S.45ff.) bleiben auf der formalen Ebene. Der Entwurf eines Piktogramms erinnert an Aufgaben zur Abstraktion. Dazu kommen Informationsgrafiken und Plakate. So wie im Kunstunterricht oft Künstler nachgespielt werden, dienen hier Grafiker oder Ausstellungsmacher als Vorbilder.
Bildung versus Ausbildung
Die Kunstpädagogik, die für Bilder und andere visuelle Gestaltungen zuständig ist, nutzt diese Chance nicht, ja sie scheint sie sogar zu fürchten. Das ist erklärungsbedürftig.
Carl-Peter Buschkühle sieht in der Kompetenzorientierung ein grundsätzliches Problem. „Wenn der relevante Maßstab für Bildungsinhalte der Kompetenzerwerb für Alltagssituationen ist, geht es nur noch um pragmatische Anwendungen, ist das oberste Ziel Praxistauglichkeit. Das Bildungsverhältnis wird damit umgedreht: Es stehen nicht mehr Wissen und Ideen im Vordergrund, die in die Lage versetzen, die Wirklichkeit zu beurteilen und zu verändern, sondern die Ausbildung von flexibel einsetzbaren Fähigkeiten []. Das Individuum wird an die Verhältnisse anpasst, um diese zu bedienen, so seine Befürchtung. Dabei ginge es „weniger um Kompetenzen für den Alltag als um solche für eine erfolgreiche Konkurrenz im globalen Wettbewerb der Volkswirtschaften (Buschkühle 2017, S.32f.).
Bettina Uhlig lehnt einen „engen Kompetenzbegriff ab. „Ihm kann ein weites Kompetenzverständnis auf der Grundlage eines humanistischen Bildungsverständnisses entgegen gehalten werden. Denn das englische Wort competence bezieht sich einerseits auf die allgemeinen Fähigkeiten (the ability to do something well) und andererseits auf die konkreten...

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aus: Kunst und Unterricht Nr. 423 / 424

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