Paula-Marie Kanefendt

Back to the Future

Ausriss aus K+U-Ausgabe von 1993
Ausriss aus K+U 172/1993, S. 12 , aus dem Unterricht von Ingeborg Rovo

Paula-Marie Kanefendt

Drei Fragmente aus KUNST+UNTERRICHT

Angetrieben von einem in eine Turmuhr einschlagenden Blitz und ausgerüstet mit ihrem Gegenwartswissen, reisen Marty McFly und Doc Brown in dem Film Back to the Future in die Vergangenheit und nach einigen abenteuerlichen Begebenheiten wieder zurück. Durch ihre Reise in die Vergangenheit verändert sich ihre Perspektive auf die Gegenwart. Dieser Gedanke stand Pate für eine Auseinandersetzung mit fast 50 Jahren und über 400 Ausgaben KUNST+UNTERRICHT. So ist der Beitrag ein Versuch, mit Splittern der Vergangenheit die Gegenwart in Richtung Zukunft zu denken.

Die hier vorliegende Auswahl von drei K+U-Artikeln aus den Jahren 1970, 1992 und 1993 und meine Auseinandersetzung mit ihnen ist zu lesen vor dem Hintergrund einer Gegenwart, die geprägt ist von besorgniserregenden politischen Entwicklungen und rasanten Veränderungen unserer gesellschaftlichen Verfasstheit, angetrieben durch sich verändernde Kommunikationsmedien und -formen.
In meinem Dialog mit den K+U-Vergangenheitsfragmenten sehe ich eine Möglichkeit, die Perspektive auf die Gegenwart zu erweitern. Im Sinne eines solchen Vergangenheit-Gegenwart-Dialogs wird im Folgenden jedem der ausgewählten Artikel ein Abschnitt gewidmet, in dem den Fragmenten Raum eingeräumt wird. Die zitierten Passagen stellen ein direktes oder indirektes „Sprechen der historischen Quelle dar; in den darauf folgenden Passagen setze ich mich in einen Dialog mit diesen Stimmen der Vergangenheit.
Fragment 1 Diethard Kerbs: Der schöne Mensch im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit
„In einer endlosen Bilderflut wird menschliche Schönheit millionenfach reproduziert und exponiert, es wird ein Kult mit ihr getrieben, der sie gleichzeitig zur Ware macht.
Kerbs 1970, Heft 11, S. 18
Zeitsprung: Internet. 2017
Es geht um Photoshop, Instagram, Facebook und die Jugendlichen, um die wir uns in regelmäßigen Abständen immer wieder sorgen, weil sie im Internet und im Telefon aufwachsen und dabei viel zu oft vergessen, dass wir in eben dieser Welt leben.
Regieanweisung an die Leserin, den Leser: Ersetze im Folgenden „Fotomodell durch „wir und denke an social media.
„Die Ware, in die das Fotomodell sich entäußert, ist das Bild, das in millionenfacher Reproduktion [] verbreitet wird. Das Bild kann beliebig gestellt, montiert, manipuliert und retuschiert werden, es ist leicht transportierbar und unbegrenzt reproduzierbar, es ist lautlos, gewichtslos, geruchlos. Es redet nicht, bewegt sich nicht und zeigt sich stets von seiner schönsten Seite. Im Bild ist der schöne Mensch ebenso wehrlos wie unangreifbar, ebenso verdinglicht wie unverletzlich, und zwar beides in einem Maße wie nie in der Wirklichkeit. Der Betrachter gewöhnt sich an den schönen Schein und beginnt, ihn der Wirklichkeit vorzuziehen.
ebd.
Zeitsprung: Athen. April 2017. Ein documenta-Jahr
Als ich die beiden sehe, laufe ich gerade über die von Sokrates ausgelatschten Marmorstufen auf der Agora. Sie: Hotpants, sehr kurzes, sehr enges T-Shirt, ein Körper, dem man in Form und Farbgebung die sorgfältige Modellierung als Arbeit an einer Bildproduktion ansieht. Er: Ihr Partner, fungiert als Fotograf. Ich bin zu gleichen Teilen fasziniert und befremdet. Ich bemerke: Sie sind sehr professionell, beherrschen die Posen und die Inszenierungstechniken, sie setzen den Ort geschickt als Kulisse ein und ihre Gesprächsform ist vom professionellen Fotoshooting-Sprech nicht zu unterscheiden. Beim Lesen des Textes von 1970 kommt mir meine Athener Beobachtung wieder in den Kopf:
„Die Ware, die für Ware wirbt, muß für sich selbst werben, um sich als Ware realisieren zu können.
ebd.
Zeitsprung: Schreibtisch. 2017
Bezogen auf Instagram, bezogen auf Dynamiken und Wirkmechanismen der Bildproduktion, Bildkommunikation und Bildzirkulation heute offenbart sich die Tiefe dieser Analyse: Wir, die so unendlich schön auf diesen Bildern sind, weil wir...

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aus: Kunst und Unterricht Nr. 421 / 422

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