Kristin Westphal

„Radioballett“

Kristin Westphal

Stimme als und im Medium

Die Stimme ist wesentlicher Bestandteil und Träger von Informationen. Darüber hinaus ist die Stimme selbst an Kommunikation beteiligt sie ist also auch Information, Geste und Ausdruck. Über Stimme zu sprechen, findet in und mit der Stimme statt.

Stimme entzieht sich einer eindeutigen Verortung: Sie erscheint als Selbstpräsenz indem ich mich selbst sprechen höre und zugleich als Fremdheit indem ich mich selbst sprechen höre, wie ein anderer mich hört.
Es gibt eine Differenz zwischen der gehörten und der gesprochenen Stimme. Darin ist ein Moment der Doppelung enthalten, das jedoch nicht zur Deckung kommt. Stimme unterliegt einem ständigen Wandel und Anpassungsprozess. Sie erscheint in ihrer Körperlichkeit, hat Alter, Geschlecht und Identität, sie hat Klang und Sinn, Ton und Bedeutung gleichzeitig. Über Stimme lässt sich nur reden, wenn man das Hören mit bedenkt. Als Thema unserer Hörgewohnheiten ist die Stimme immer auch als vergesellschaftete, technisch-medial reproduzierte, als leibliche und in lebensweltliche Bezüge eingebettete Stimme zu reflektieren.
Im technischen Medium wird eine andere Wirklichkeit der Stimme produziert. Medien machen diese Differenz bewusst. Stimmen können medial verändert werden, das Hören jedoch nicht. Stimmen wie auch immer medialisiert müssen gehört werden und bedürfen gerade deshalb des Rückgriffs auf die kommunikative Situation des leiblich-sinnlichen Zuhörens (vgl. Westphal 2014).
Medien als Zugänge zur Welt
Medien hat der Mensch immer schon verwendet, um sich über seinen Körper hinausgehend Ausdruck zu verschaffen, sich zu inszenieren oder seine Arbeit zu erleichtern. Medien bringen das „Wie ins Spiel nämlich die Mittel, Wege und Verfahren, um sich zu entäußern und auszudrücken.
Mit fortschreitender Technisierung lässt sich beobachten, dass speziell angesichts „künstlicher, technologisch erzeugter Medien die leibliche Präsenz des Menschen überschritten wird und sich der Charakter der Medien in einer spezifischen Weise verändert hat. Die Medien zeigen sich in körperanalogen Formen, die sich im Vollzuge der Ausdifferenzierung immer mehr von einer leiblichen Organisation entfernt haben.
Die Maschine bzw. Technik ersetzt leib-sinnliche Vorgänge, indem sie den leiblichen Umgang mit ihnen nicht außer Kraft setzt, sondern auf einer reduktionistischen Stufe konserviert: Das Live-Orchester wird digitalisiert, das abstrakte Sehen über Menüs und Anzeigen auf Bildschirmen, das rudimentäre Bedienen von Hebeln, Schaltern, Tastaturen kennzeichnen den Umgang mit Medien.
Es findet eine Verkörperung in den Medien statt und gleichzeitig eine Entkörperung leiblicher Vorgänge. Die Situation der Anwesenheit des anderen bzw. die materiale Welt der Dinge, die an sinnliche Wahrnehmungen gebunden sind, wird über virtuelle Einflüsse und Manipulation abgeschnitten. Im Umgang mit elektronischen Medien kann man nicht immer wissen, welchen Präsentationsstatus Texte, Reden, Klänge oder Bilder im jeweiligen Medium haben. Handelt es sich um eine Live-Aufnahme? Oder um eine Aufzeichnung, die gekürzt oder geschnitten wurde, oder um eine fingierte Situation? Haben wir es mit einer Computersimulation zu tun? Sind die Worte, die wir hören, in einer realen Zeit hintereinander gesprochen oder bereits technisch zusammengesetzt usw. (vgl. Westphal 2002)?
Wirklichkeiten und Möglichkeiten
Die Erfahrungen, die in den neuen Technologien aus ihren ursprünglichen Kontexten gezogen und zu neuen Wirklichkeiten in künstlichen Bezügen hergestellt werden, verändern unsere Wahrnehmungs- und Erkenntnisweisen.
Die erlebbare Welt zeichnet sich darin aus, dass ihre Möglichkeiten innerhalb konkreter Situationen gewonnen werden. Hingegen basieren virtuelle Welten auf kalkulierten und kontextunabhängigen Situationen. Die Medien „lockern die Verankerung im Hier, indem sie Möglichkeiten des Dortseins freisetzen und den Spielraum der Erfahrung teils...
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aus: Kunst und Unterricht Nr. 429 / 430

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