Lars Zumbansen

Heimat ohne Wurzeln?!

Schülerarbeit (Jg. 7): Fotointerpretation zu einem Vers aus einem Musikvideo : „I like digging holes and hiding things inside them“
Schülerarbeit (Jg. 7): Fotointerpretation zu einem Vers aus einem Musikvideo : „I like digging holes and hiding things inside them“ , aus dem Unterricht von Lars Zumbansen

Lars Zumbansen

Fotografische Reflektionen zu dem Song no roots von Alice Merton

In diesem Unterrichtsbeispiel wird gezeigt, wie sich eine fotografische Annäherung an eigene Heimatkonzepte durch praktisch-rezeptive Auseinandersetzungen mit individuellen Ver- bzw. Entwurzelungsschicksalen anbahnen lässt. Solche Themen werden in Pop-Songs regelmäßig entfaltet.

Ein zeitgemäßes Beispiel für ein Entwurzelungsschicksal ist der Song no roots von Alice Merton. Ziel der Unterrichtssequenz in einer 7. Jahrgangsstufe war es, die besungenen Reflexionen der durch zahlreiche Ortswechsel geprägten Kindheit und Jugend der Sängerin bildlich zum Ausdruck bringen. Dazu sollten serielle Fotografien als gestalterische Interpretationsmedien erzeugt werden.
Die Wurzel-Metapher
Die Unterrichtssequenz startete mit einem Bildimpuls vom Wurzelwerk eines Baumes, das die Schüler des Kunstkurses zu Assoziationen animieren sollte (Abb.1 ). Diese galt es über die Umfrage-App Mentimeter in Form von Schlagworten (Substantiven oder Adjektiven) zu verschriftlichen. Aus den Eingaben generierte die App eine Word-Cloud. Diese brachte die intersubjektiven Relevanzen der Siebtklässler dadurch zum Ausdruck, dass Mehrfachnennungen groß in das Zentrum der Wortwolke rückten (Abb. 2 ). Dabei wurde unmittelbar die metaphorische Interpretation des Wurzelwerkes als Zeichen für „Familie augenfällig. Diese begründeten die Lernenden mit den analogen Eigenschaften von Wurzeln, Verbindungen und Halt zu stiften.
Die gemeinsam erstellte Wortwolke fungierte für die nachfolgende Konfrontation mit dem Song als ideale Reibefläche. Bei Nennung des Titels no roots aktivierten die Schülerinnen und Schüler sehr schnell ihr Wissen über das Lied von Alice Merton, dessen einprägsamen Refrain einige Jugendliche sogleich intonierten.
Die Leitfrage vor der Erstrezeption des Songs war: Bedeutet der Titel, dass die Sängerin bzw. das lyrische Ich über keine intakten Bindungen und familiären Strukturen verfügt? Die Frage sollte eine erste inhaltliche Durchdringung des englischen Songtextes motivieren. Die Schülerinnen und Schüler erkannten schnell, dass das Ich über ihr Schicksal eines ständigen Wohnortwechsels singt. Dieser führe dazu, dass keine Verwurzelung an einem Ort möglich sei und die Straße als ihr Zuhause erscheine. Um zu klären, warum die Stimme diesen Sachverhalt zwar auf prägnante, jedoch eher selbstbewusste, spielerische Weise, ausdrückt, wurde der Inhalt des Textes genauer inspiziert.
Fotografische Textinterpretation
Um eine Fokussierung auf einzelne Zeilen zu intensivieren, sollten die Strophen in Kleingruppen arbeitsteilig in den Blick genommen werden. Der Refrain wurde an drei Gruppen verteilt. Die Jugendlichen erhielten den englischen Text, den sie bei Unklarheiten für sich selbst übersetzen und erläutern sollten. Ziel war es, den Inhalt der zwei bis drei zugeteilten Verse in vier bis sechs Fotografien zu übersetzen. Dieser erste bildnerische Zugriff sollte zugleich die Interpretationshypothesen der Lernenden zutage fördern und damit eine diskursive Folie für die weitere Kursarbeit bieten.
Beispiele
Eine Gruppe versuchte sich an einer recht sprichwörtlichen Umsetzung des Verses „I like digging holes and hiding things inside them: Sie hoben eine Erdmulde aus und platzierten darin einen Schlüsselanhänger. Nun wurde gemeinsam überlegt, ob dieser Satz nicht analog zu den „roots ebenfalls metaphorisch zu deuten sei?
Eine andere Gruppe legte einen Vorschlag vor, bei dem die Schüler die Treppen zu einem Fahrgeschäft auf einer Kirmes erklommen, die in direkter Nähe der Schule aufgebaut war (Abb. 3 ). Bei diesem Beispiel ist die Schnappschussästhetik mit der schrägen Bildkomposition und dem Schwarz-Weißfilter von den Mitschülern besonders goutiert worden, da hier eine interpretatorische Umkodierung vorgenommen wurde. Das Bild lässt sich als Beispiel für eine Erinnerung lesen, die das lyrische Ich abzuspeichern und zu einem Ankerpunkt seiner...

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Fakten zum Artikel
aus: Kunst und Unterricht Nr. 431 / 432

Jugend Fotografie Heimat

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 6-8