Dörthe Gerhardt

Ein Raum – ZwischenRaum – dEin Raum

Schülerarbeit (Kl. 9): Daumenkino mit Fotos einer Nischenperformance
Schülerarbeit (Kl. 9): Daumenkino mit Fotos der Nischenperformance, aus dem Unterricht von Dörthe Gerhardt

Dörthe Gerhardt

Ästhetische Forschungen und transkulturelle Erkundungen im Lebensraum

Dieses Unterrichtsprojekt einer 9. Klasse bringt das Prinzip des Transkulturellen und die kunstpädagogische Beschäftigung mit Räumen zusammen. Von eigenen Fragen angetrieben, erforschen die Schülerinnen und Schüler ihre Schul- und Lebensräume und reflektieren mit ästhetischen Mitteln Vielfalt und Begrenzungen in kulturellen Räumen. Die vielfältigen Wege führen schließlich zu ästhetisch verdichteten Bildern und Inszenierungen.

Trans-Kultur meint auch das Hindurchbewegen durch kulturelle Räume, das Befragen hergebrachter Territorien und die Entstehung neuer Nischen und Arenen.
Diversität als Realität erfahren
Die Beschäftigung mit Transkulturalität beginnt im Klassenraum in diesem Fall: der 9. Klasse einer Integrierten Gesamtschule mitten in Deutschland, im „sozialen Brennpunkt einer Kleinstadt. 25 Jungen und Mädchen, darunter einige sogenannte Inklusionsschülerinnen und -schüler mit diversen Förderbedarfen, die meisten mit migrantischem Vorder- bzw. Hintergrund, Jugendliche aus sozial schwachen Familien sowie aus gehobenem Bildungsbürgertum.
Die ganze Spannbreite an Hybridität und Heterogenität auf 36 Quadratmetern Klassenraum. Sowohl die kulturelle Vielfalt als auch die unterschiedlichen Vorstellungen vom Leben miteinander erfordern im Unterricht ein differenziertes und individuelles Vorgehen im Hinblick auf die jeweilige heterogene Lebenssituation der Lernenden die sich selbst allem Anschein nach in der gegenwärtigen multiethnischen Lebens- und Alltagssituation fest verwurzelt fühlen. In diesem Lern- und Lebensraum treten kaum Probleme mit der Vielfalt und den Überschneidungen von Identitäten, Nationalitäten, Zugehörigkeiten, Kulturen und Ethnien zutage: Probleme werden kaum vor diesem Hintergrund reflektiert. Vielmehr scheinen die Jugendlichen die verschiedenen Zugehörigkeiten kreativ auszubalancieren, leben sie simultan und basteln aus den kulturellen Überschneidungen hybride Selbstverständnisse einen transkulturellen Remix der Lebenswelten (Lutz-Sterzenbach u.a. 2013).
Diversität wird als Realität akzeptiert und darüber hinaus meist als Bereicherung erlebt. Abgrenzungen und Eigenarten werden zeitgleich gesucht und ausgehandelt. Wir Lehrer und Schüler teilen uns diesen Raum. Wir suchen Nischen. Wir landen in Zwischenräumen. Wir verorten uns.
Im Leben außerhalb der Schule ist zu diesem Zeitpunkt viel von Grenzen die Rede. Von neuerlichen Plänen für Mauern, von kulturellem Eigentum, von Wurzeln. Während das eine Land seine Grenzen schließt, macht unser Land sie auf.
Eine von zwei Sprachintensivklassen an unserer Schule, die größtenteils von männlichen, geflüchteten Jugendlichen aus Afghanistan und Syrien besucht wird, befindet sich im Raum nebenan. Hier in unseren geschützten Schulräumen, in denen transkulturelle Vielfalt längst Alltag ist, geht es uns nun darum, diese zu reflektieren, ihr eine Bühne bzw. einen Verhandlungsspielraum zu schaffen, uns die gegebenen Öffnungen und Schließungen im Hinblick auf unsere Lebensbedingungen zu vergegenwärtigen, sie uns bildlich vor Augen zu führen, sie zu erforschen und sie damit bewusst zu gestalten.
Forschender Ansatz als Methode
Um dieser kulturellen Realität methodisch zu begegnen, wird der Ansatz des Ästhetischen Forschens (Kämpf-Jansen 2001/2012) gewählt. Dieser scheint für die Erkundungen von Transkulturalität geradezu prädestiniert, weil er es erlaubt, die lebensweltlichen Kontexte neugierig und mit aufmerksamem Blick zu erkunden und zu kontextualisieren, um die gewonnenen Erfahrungen schließlich in eine ästhetische Darstellungsform zu bringen.
Als „KulturSchule des Landes Hessens haben wir uns vorgenommen, ein ästhetisches Curriculum für alle Fächer zu entwickeln und bedienen uns dieses Ansatzes schon seit Jahren in unterschiedlichen Settings und Fächerkontexten.
Er hat sich in besonderer Weise bewährt, um im Spannungsfeld zwischen...

Friedrich+ Kunst

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Fakten zum Artikel
aus: Kunst und Unterricht Nr. 425 / 426

Prinzip Transkulturalität

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 8-10