Alfred Czech

Hände

Alfred Czech

Mit 27 Knochen, 33 Muskeln und drei Nerven ist die Hand ein hochkomplexes, sensibles Körperteil. Hände können sowohl kraftvoll zupacken als auch kleinste, präzise Bewegungen vollführen. Mit unseren Händen begreifen wir die Welt im wörtlichen und im übertragen Sinn. Wie wir auf unsere Hände Acht geben, so beachten wir die Hände unserer Mitmenschen. Ihre Form und ihr Zustand geben uns Aufschlüsse, was unser Gegenüber für ein Leben führt.

Handabdrücke finden sich bereits in den frühesten Höhlenmalereien. Hände spielen zu allen Zeiten für die Darstellung von Menschen in Malerei und Plastik eine zentrale Rolle. Im Porträt charakterisieren sie den Dargestellten fast so wie das Gesicht. Im Historienbild definieren sie die Beziehungen von Personen oder erzählen mit „sprechenden Gesten eine Geschichte. Die Isolierung von Händen als eigenständiges Motiv ist allerdings selten.
Berührungen
Wenn wir jemanden zum ersten Mal treffen, so geben wir ihm die Hand. Dabei wird uns nur in Ausnahmefällen bewusst, dass diese Geste die friedlichen Absichten beider bekräftigen soll. Wenn sich die Hände zweier Menschen berühren, die etwas für einander empfinden, ist das ein magischer Moment.
Solch einen Moment fing Auguste Rodin (1840 –1917) mit seiner Plastik „Die Kathedrale ein. Zwei nach oben gerichtete Hände verschränken sich diagonal. Es sind zwei rechte Hände, zart und feingliedrig, eine in offener Haltung, die andere mit angewinkelten Fingern. In der frontalen Ansicht hat man den Eindruck, die Finger berührten sich. In der Seitenansicht formen die Hände einen intimen Raum zwischen sich, der doch nach allen Seiten offen bleibt. Es ist ein Ausdruck großer bildhauerischer Meisterschaft, wie Rodin die Spannung zwischen den Händen durch die Zwischenräume steigert. Auf Grund des Titels „Die Kathedrale wissen wir, dass Rodin mit dem Werk die Vorstellung eines Kirchengebäudes verband, das wie ein hochgotischer Chor feingliedrig und steil in den Raum aufragt. Dem Thema „Hand als Form und Bedeutungsträger widmete sich Rodin immer wieder: in zahlreichen Handstudien für die „Bürger von Calais oder den Plastiken die „Hand Gottes und die „Hand des Teufels.
Eine Begegnung zweier Hände zählt zu den zentralen Ikonen des abendländischen Bildgedächtnisses. Sie stammt von Michelangelo (1475 –1564) und befindet sich in der Sixtinischen Kapelle in Rom. Die großformatige „Erschaffung Adams (4,80 × 2,30 m) kulminiert in einem Punkt. Gottvater streckt seinen Arm, seinen Zeigefinger, Adam entgegen, um ihm Lebensenergie einzuhauchen. Unser Bildausschnitt zeigt, was aus der Distanz in der Kapelle leicht zu übersehen ist: den kleinen Abstand zwischen den Zeigefingern (Abb. 1 ). Er erzeugt eine elektrische Spannung zwischen der muskulösen Hand Gottes und der schlaff am Gelenk hängenden Mittelhand Adams. Von dessen kraftlosen Fingern schafft es nur der Zeigefinger, mit einer kleinen Hebung der entscheidenden Berührung entgegen zu kommen.
Verletzungen
Als Tastinstrumente sind unsere Hände mit mehr Rezeptoren ausgestattet als andere Körperteile und entsprechend sensibel. Das macht Verletzungen an den Händen besonders schmerzhaft. Als empathische Wesen regieren wir entsprechend stark, wenn wir verletzte Hände sehen.
Dessen war sich Matthias Grünewald (um 1470 –1528) wohl bewusst, als er die Hände für den tot am Kreuz hängenden Christus auf der Mitteltafel des Isenheimer Altars schuf. Ein großer Nagel ist durch den Handteller getrieben, um die Hand auf dem Balken zu fixieren. Gespreizt wie Krallen greifen die Finger wie in den schwarzen Himmel. Als wären die Verletzungen am ganzen Körper – die blutenden Seitenwunde und der zur Seite hängende Kopf – noch nicht genügend Zeichen des Leidens, verzerrt Grünewald die Hände in einer an Expressivität kaum zu überbietenden Geste. Es sieht so aus, als streckten sie sich in einem letzten vergeblichen Aufschrei gen Himmel.
Bedeutungsvolle Gesten
Wie selbstverständlich benutzen wir...

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Fakten zum Artikel
aus: Kunst 5-10 Nr. 56 / 2019

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