Zwischen Kunstverachtung und Kunstverehrung

Zur ästhetischen Praxis in der Sozialutopie

Dieser Beitrag erläutert, weshalb Sozialutopien, die ein ideales Bild einer perfektionierten Gesellschaft vorgaukeln, stets zum Scheitern verurteilt sind und sogar als Gegner des offenen Denkens und freier Kunst betrachtet werden können.

Harald Kimpel
Stabilität ist die Bedingung des Idealzustands. Dieser muss daher auf eine Immunisierung gegen Veränderungen aller Art aus sein. Denn wo das Optimum Realität ist, kann jede Entwicklung nur eine zum Schlechteren sein. Wo das Beste herrscht, muss der Impuls zur Visionierung des Besseren absterben. Folglich hat auch Kunst, sofern sie als Vorschein einer besseren Wirklichkeit gesehen wird, ihre Berechtigung verloren (s. a. Kasten).
Sozialutopien
Sozialutopien
Das Anliegen, den „Geist der Utopie und die Kunst als „Statthalterin der Utopie für den Wandel der Gesellschaft im Kunstunterricht der Schule fruchtbar zu machen, steht im Kontrast zur Zielrichtung inhaltlich entworfener Sozialutopien.
Diese kennen wir bildstark und dystopisch endend von Thomas Morus Utopia in der Tradition von Platons Der Staat bis zu heutigen Blockbustern wie Avatar. Sie lassen keine Fragen zur Zukunft mehr offen, sondern malen naiv-realistisch ein scheinbar ideales Bild einer vermeintlich paradiesischen Gesellschaft als fertige Sozialutopie vor.
Karin Hutflöz
Kunstlose Paradiese
Als Ausdruck von Individualität, Medium von Opposition und Ursprungsort von Kritik gilt die Kunst den egalitären Strukturen des Utopischen als nicht tolerabel. Zielt ästhetische Praxis auf Modifizierung des Bestehenden, ist sie angesichts des Unverbesserlichen nicht nur überflüssig, sondern schädlich. Daher sind Zufall, Individualität, Spontaneität und ähnliche Störfaktoren zu denen auch die Kunst gezählt werden konsequenterweise eliminiert. Der Preis für die Beständigkeit der paradiesischen Zustände ist also die Preisgabe der Kunst: der Verzicht auf das kritische Potenzial ästhetischer Praxis.
Krisen als Motivation
Kulturelle Leistungen, verstanden als Selbstbetrug einer defekten Gesellschaft, haben im perfektionierten Gemeinwesen nichts verloren. Und auch das Fehlen von Konfliktsituationen und individuellen Krisen, die zu den Motivationen für kreatives Schaffen zählen, bedingen dessen Absterben.
Verdankt Kunstproduktion nämlich ihre Entstehung Turbulenzen des Gefühlslebens, wird sie im Zuge der allgemeinen seelischen und sozialen Pazifizierung hinfällig. Ist „das Leben erst im vollkommenen Staate geordnet, so ist, wie auch Friedrich Nietzsche befindet, „aus der Gegenwart gar kein Motiv zur Dichtung mehr zu entnehmen, und es würden allein die zurückgebliebenen Menschen sein, die nach dichterischer Unwirklichkeit verlangten. Diese würden dann jeweils mit Sehnsucht rückwärts schauen, nach den Zeiten des unvollkommenen Staates, der halb-barbarischen Gesellschaft, nach unseren Zeiten. (Nietzsche 1988, S. 196)
Kunstverachtung
Die halb-barbarischen Zeiten sind es somit, in denen künstlerische Hervorbringungen florieren können; nach Nietzsche bedarf es der kollektiven wie individuellen Notlagen, damit eine Kunstform hervorgebracht werden kann, die ihre Unwirklichkeit dem unerträglichen Realen als Gegenbild gegenüberstellt. „Habt Ihr also [] keine schönen Künste als: Mahlerei, Bildhauerei, Musik, Dichtkunst?, fragt ungläubig der Besucher des imaginären Südseereiches „Victorique in Restif de la Bretonnes fantastischem Roman Der fliegende Mensch (1781). Und die Antwort ist so eindeutig wie zynisch: „Wir verachten die Mahlerei. Unsere Gemälde sind unsere schönen Männer, unsere schönen Weiber, die wir alle Tage sehn [] Wir schätzen die nöthigen Handwerker weit höher, als diese unnützen Künste.
Allenfalls fristen letztere ein bescheidenes Restleben in der Altenpflege: Es gibt „etliche Maler, deren geringe Anzahl dazu gebraucht wird, die schönen Handlungen unsrer tugendhaften Bürger aufzuzeichnen: diese Gemälde sind dazu...
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Fakten zum Artikel
aus: Kunst und Unterricht Nr. 443 / 444

Utopien

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