Nils Zumbansen

Das Sezieren einer Legende

Nils Zumbansen

Leonardo da Vinci als Anatom, Ingenieur und Naturwissenschaftler

Leonardo da Vinci gilt als legendenhafte Gestalt, als Universalgenie, das nicht nur die Malerei revolutionierte, sondern auch Naturwissenschaftler und Meisteringenieur war. Doch sein Ruf als Wegbereiter des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts wird oft verzerrend dargestellt und soll in diesem Beitrag kritisch erörtert und relativiert werden.

Leonardo da Vincis Biograph Giorgio Vasari, ein italienischer Architekt und Maler des 16. Jahrhunderts, weist ihn als immens talentierten und vielseitigen Künstler aus. Allerdings bezeichnet er ihn zumindest in der ersten Fassung seiner Biografie als gottfernen Ketzer und in der bereinigten Ausgabe als verbummeltes Genie, das seine Begabung nicht ausschöpft (vgl. Reinhardt 2018, S. 9f., Etchegoin u. a. 2005, S. 69).
Leonardos Schaffensbereiche umfassten neben der Kunst und Bildhauerei unter anderem Anatomie, (Natur-)Philosophie, Naturforschung sowie das Entwerfen technischer Geräte (vgl. z.B. Bayerl 2013, S. 28). Durch diese Vielseitigkeit ist er zu einer gefeierten Legende geworden.
Legendenbildung
Der Historiker Volker Reinhardt schreibt in seiner Biografie Leonardo Da Vinci: Das Auge der Welt Folgendes: „[Er hat] [] konsequent an seinem Image gearbeitet, an seiner eigenen Legende gewoben und sich selbst kunstvoll als ersten Wahrheitssucher inszeniert, der die bequemen Scheingewissheiten hinter sich gelassen hat und zu einer Naturerkenntnis gelangt ist, deren Besitz seine ‚Mona Lisa und sein ‚Johannes der Täufer mit ihrem Lächeln anzeigen (Reinhardt 2018, S. 14).
Sicherlich haben zur „Legendenbildung Leonardos bekannte Bildnisse wie die oben genannten Gemälde einschließlich des Wandgemäldes Das Abendmahl oder Zeichnungen wie die Skizze Der vitruvianischer Mensch (vgl. u.a. Zöllner 2007, S. 104f., S.122f.) sowie populäre Narrative oder Romane wie insbesondere Dan Browns The Da Vinci Code beigetragen. In Browns Roman wird Leonardo unter anderem als visionäres Genie, Homosexueller und Verehrer einer Art göttlichen Ordnung der Natur bezeichnet, der sich vom traditionellen christlichen Glauben distanzierte und versteckte Symbolik in seine Bilder einfließen ließ (vgl. Brown 2003/2004, S. 72f.). Charakterisierungen und Darstellungen, wie sie in The Da Vinci Code zu finden sind, hat man in mehreren Publikationen zum Teil äußerst kritisch beleuchtet und überzeugend widerlegt (vgl. z.B. Etchegoin u. a. 2005, S. 70f., Eco 2013, S. 420f.).
Neben diesem „Bild von Leonardo wird man mit weiteren Vorstellungen dieser Künstlerlegende konfrontiert. Folglich lohnt sich ein Blick auf die Rezeption Leonardos in der Geschichte.
Rezeption der Künstlerlegende Leonardo
Obwohl sich von der Vielzahl der persönlichen Schriften und Aufzeichnungen von Leonardo da Vinci immerhin ca. 6000 erhalten haben, scheint seine Person schwer zu fassen und immer noch rätselhaft zu sein, wodurch eine angemessene historische Einordnung möglicherweise verhindert wird (vgl. Roeck 2018, S. 16f., Reinhardt 2019b, S. 44). Zudem existieren nur mutmaßliche Porträts bzw. Konterfeis von ihm, deren Authentizität nicht gesichert ist und im Falle des berühmten Turiner Selbstporträts stark bezweifelt wurde (vgl. Reinhardt 2018, S. 16f., Roeck 2018, S. 342f.).
In seinem Buch Künsterlegenden schreibt Martin Warnke über Leonardo: „Es gibt nicht viele Künstler, mit deren Namen die Nachwelt so einmütig und selbstverständlich den Begriff des Genies erfüllt sah wie mit dem Namen Leonardo da Vincis. Es erschiene als ein Sakrileg, wollte man an der Berechtigung dieser Übereinstimmung zweifeln (Warnke 2019, S. 56).
Nachdem Leonardo 1519 verstarb, stellte sein Schüler Francesco Melzi die wichtigsten Passagen Leonardos aus dessen Schriften zusammen. Trotzdem wurden Leonardos Werke und er selbst bis zum Ende des 18. Jahrhunderts im Vergleich mit anderen bekannten Renaissancekünstlern wie...
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aus: Kunst und Unterricht Nr. 445 / 446

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