Johannes Kirschenmann

Körpersprache – Gesten und Rituale

Johannes Kirschenmann

In der Kulturgeschichte führen die Erkenntnispfade von der Gegenwart zurück zu all den Epochen, Stationen und Umbrüchen, die in der Vergangenheit die ästhetisch-symbolischen Ausdrucksformen in ihrem zeitgebundenen Kulturraum definierten.
In einem dynamischen Prozess entfaltet sich heutige Kultur ob nun in einem komplexen Zeichengewirr der Gegenwartskunst oder im Alltagsverhalten, ob in der modischen oder unangepassten Kleidung, ob in der Popmusik oder den warenästhetischen Bildwelten.
Dies ist alles immer verknüpft mit Gesten und Ritualen als soziale und kommunikative Praxis. Im Ritual tritt das Sprechen zurück, die gestische und auch mimische Körpersprache treten in den Vordergrund. Auch wenn Rituale ihre Bestimmung aus der Vergangenheit herleiten, werden sie mit der Absicht einer Wirkung im Hier und Jetzt aus- und aufgeführt.
Zwei Themenfelder bilden das Zentrum des nachfolgenden MATERIAL-Teils: der menschliche Körper und dort besonders die Hand mit ihrer Fähigkeit etwas zu zeigen, das auch außerhalb des zeigenden Menschen liegt. In einem zweiten Themenstrang wird exemplarisch untersucht, wie in der historischen Kunst der Ausdruck im Körperbild stilistisch immer wieder neu formuliert wurde und wie vor allem in der Malerei das künstlerische Selbstbild als Attitüde zwischen Ideal und realer Existenz wechselte. Im Sinne einer didaktischen Ikonografie schälen sich damit Signaturen heraus.
In der Kunst als Geschichtsquelle zeigt sich die Hand in der Doppelfunktion als Zeigeorgan (MATERIAL 1 u. MATERIAL 7 und als Zeugnis des rechtsverbindlichen Vertrags, z. B. signifikant in der Arnolfinihochzeit von van Eyck. Dort wird die Ehe „zur linken Hand, also mit einer Frau aus einem niedrigen Stand geschlossen. Priester waren nicht nötig und die Zeugen haben den begleitenden Ehevertrag beglaubigt, denn es ging um beachtlichen Besitz.
Erhobene und ausgebreitete Arme haben im Ritual segnenden Charakter, der in die Rhetorik des Profanen ausstrahlt. Sie können ebenso als situative Emotionalität Ausdruck des Schreckens oder der Verzweiflung sein. Gesteigert taucht dieser Gestus in den das Gesicht verhüllenden Händen auf ob aus Bestürzung oder Scham, ob aus Ratlosigkeit oder Fatalismus.
Körpersprache in Körperkonstellationen
Die Beispiele in diesem MATERIAL-Teil zeigen historische Kunst und regen an, zunächst die dort repräsentierte Welt mit ihren Körperkonstellationen als Ausdrucksträger in ihrer Kultur und den dort bestimmenden, rahmenden Kontexten zu betrachten. Die Beispiele führen dann zu einem weiteren Schritt, heutige Kultur vor allem im körpersprachlichen Ausdruck auf dem historischen Hintergrund differenzierter zu interpretieren und über die Bedingungen der im Bild sichtbaren Körperbilder und Körpersprachen wie ihrer Wandlungen zu reflektieren und in einer weiterführenden Recherche einzelnen Aspekten vertieft nachzugehen.
Im Vordergrund steht zuerst der einzelne Körper, die inszenierte Figur. In der Rahmung einer Erzählung, eines geschichtlichen oder mythischen Ereignisses assistieren Körpersprachen dem intentionalen ästhetischen Gehalt der Bildbotschaft. Doch kann es nicht um die isolierte Betrachtung und Analyse einer Figur und eines anschließenden Additums gehen. Erst im strukturalen Zusammenhang, in den verweisenden Verwebungen der Körperkonstellationen werden in den sich konturierenden Bedeutungen sichtbar.
Mit der wachsenden Autonomie der Kunst in der Neuzeit wechseln die thematischen Schwerpunkte in der Malerei, die Gruppenkonstellationen bleiben als formales Ausdrucksensemble und Thema erhalten (MATERIAL 3, MATERIAL 5, MATERIAL 6, MATERIAL 7, MATERIAL 11).
Mit dem Aufstieg des holländischen Bürgertums, aber auch den feudalen Gegenreaktionen auf die Reformation, erhalten die Gruppenporträts mehr Gewicht in der Malerei. Dort rückt die Sprache der Körper, die habituelle Codierung in den Vordergrund eines visuell geführten Bilderstreits. MATERIAL 1 fordert...

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Fakten zum Artikel
aus: Kunst und Unterricht Nr. 417 / 418

Kunst. Geschichte begegnen

Friedrich+ Kennzeichnung Fachwissen Schuljahr 5-13