Eva-Maria Wawatschek

Heldenepos

Illumination zur „Klimaheldin Greta“
Illumination zur „Klimaheldin Greta“, © Eva-Maria Wawatschek

Eva-Maria Wawatschek

Neue Geschichten im Stil mittelalterlicher Buchillumination

Siegfried, der Drachentöter, David mit der Steinschleuder oder Superman –  wer kennt sie nicht? Sie sind stark, sie sind mutig, sie sind männlich. Wie aber sieht es mit Kriemhild, Jeanne dArc und Sophie Scholl aus? Oder ist nicht vielleicht die eigene Oma auch manchmal eine Heldin des Alltags? Heldinnen und Helden müssen nicht immer todesmutig und kampfeslustig sein. Vielleicht sind es auch kleine, alltägliche Wohltaten, die eine Person zu unserem persönlichen Helden werden lassen. Frei nach Beuys könnte man also sagen: Jeder Mensch ist ein Held!
In dieser Unterrichtssequenz setzen sich Schülerinnen und Schüler mit eigenen Idolen auseinander und lassen ein individuelles Heldenepos entstehen. Dazu formulieren sie eine eigene Heldengeschichte und gestalten diese in Anlehnung an die Tradition mittelalterlicher Buchmalerei aus. Neben kunsthistorischen Bezügen entdecken die Kinder und Jugendlichen hier die Freude am Fabulieren, Illustrieren und Erfinden.
Persönliche Heldinnen und Helden
Die Schülerinnen und Schüler bekommen den Auftrag, einen Gegenstand, den sie mit ihrer persönlichen Heldin oder ihrem persönlichen Helden verbinden, mit in die Schule zu bringen. Zu Beginn der Stunde dürfen die Schüler ihre Gegenstände und damit ihre persönlichen Heldenfiguren der Klasse vorstellen. Der Begriff des Helden wird darauf in der Klassengemeinschaft hinterfragt und reflektiert. Gegebenenfalls unterstützen Abbildungen oder digitale Recherchen die Diskussion. Geleitet durch Fragen nach den Fähigkeiten, Charaktereigenschaften oder dem Aussehen der jeweiligen Heldenfigur wird vom Besonderen auf allgemeine Tugenden geschlossen. Die Lehrkraft sammelt an der Tafel stichpunktartig wichtige Begriffe, zum Beispiel:
Tafelanschrieb
  • Mut, Kraft/Stärke
  • Intelligenz, Beharrlichkeit oder Einfühlungsvermögen
Mittelalterliche Buchillumination
Rund um die eruierten Tugenden und die präsentierten Vorbilder sollen im Folgenden eigene kurze Heldengeschichten entstehen, die schließlich auf einem DIN-A4-Blatt niedergeschrieben und in mittelalterlicher Manier illustriert werden. Die Lehrkraft zeigt dazu ein Beispiel einer mittelalterlichen Illumination aus dem „Psalter der Königin Isabella von England (Abb.1 ) und verweist auf die Tradition der Darstellung und die Gestaltung von Heldengeschichten im Kontext der Kunst- und Kulturgeschichte (s. Kasten: WISSEN I).
WISSEN I: Mittelalterliche Illumination
WISSEN I: Mittelalterliche Illumination
Anhand einer Seite aus dem „Psalter der Königin Isabella von England aus dem 14. Jahrhundert (Abb.1) können sich die Lernenden mit einer möglichen Form der mittelalterlichen Komposition, farbigen Anlage, Darstellung von Raum und Körpern vertraut machen. Dieses Beispiel ist auch im Hinblick auf das Thema interessant, da sich hier zwei Helden der Bibel entdecken lassen. Mit aufwendigen Illustrationen wurde im Mittelalter gedanklicher Inhalt erhellt und damit Schlüsselszenen beleuchtet. Daher wird auch von Illumination gesprochen. Am unteren Bildrand der Buchillumination werden zwei biblische Figuren miteinander verschränkt. Links ist der Ziegenhirte David zu erkennen, der sich im Weiteren ja als heldenhafter Jüngling im Kampf gegen den Riesen Goliath erweist. Über die Ziegenherde wird ein Übergang geschaffen zu einem Löwen, der ein Tier reißt, bis hin zu Simson, der bärenstark und mutig mit bloßen Händen einen Löwen bezwingt.
Der Illustrator scheint sich nicht an eine zeitliche Reihenfolge zu halten, man könnte von einer Art „Simultanperspektive sprechen, bei der ein Nacheinander zum Miteinander im Bild wird. Anhand des vorliegenden Beispiels wird aber nicht nur eine Geschichte visuell unterstützt, sondern es ist auch ein prächtiges Beispiel für die eigenwilligen Formschöpfungen und den Ornamentreichtum des Mittelalters. So finden sich nicht nur peitschenhiebartig rankende Zierleisten rund um den...

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Fakten zum Artikel
aus: Kunst 5-10 Nr. 61 / 2020

Heldenfiguren

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (2-10 Std.) Schuljahr 6-8