Johannes Kirschenmann | Lars Zumbansen

Gefühlszustände verkörpern!

Schülerarbeit (Kl. 7): Ergebnis der Kontextrecherche zu den griechischen Helden mit der App Explain Everything
Schülerarbeit (Kl. 7): Ergebnis der Kontextrecherche zu den griechischen Helden mit der App Explain Everything, aus dem Unterricht von Lars Zumbansen

Johannes Kirschenmann | Lars Zumbansen

Szenische Übungen als Anregung zum vergleichenden Sehen*

Dieses Unterrichtsbeispiel, das in verschiedenen Jahrgangsstufen durchgeführt wurde, zeigt, wie über szenische und körperreflexive Handlungen eine historische Skulptur sowohl in ihrem narrativen Gehalt als auch in ihrer bildnerischen Ausdrucksqualität erschlossen werden kann.

Der Körper bildet in vielen Lehrplänen eines der zentralen Themen. Körperdarstellungen in Bildwerken historischer Kunst können in diesem Zusammenhang als entscheidender didaktisch-methodischer Impuls fungieren, um neben dem Rezipieren und Reflektieren in die Thematik anhand einer prozessorientierten wie handlungsintensiven Unterrichtspraxis einzuführen. So wird den Schülerinnen und Schülern eine vertiefte Begegnung mit elementaren Ausdrucksformen als Signaturen kulturell und narrativ motivierter Körperbilder ermöglicht. Szenische Übungen und performative Annäherungen eröffnen ein breites Erkenntnispotenzial und evozieren innerpsychische Fragstellungen.
Das wenig bekannte Werk Die Leiche des Patroklos wird von Menelaos geborgen soll hierfür als Exempel dienen.
Fürsorge und Trauer in der hellenistischen Skulptur
Mythologischer Hintergrund der Marmor-Skulpturengruppe (Abb. 1) ist der Trojanische Krieg. Der König von Sparta, Menelaos, wurde durch den trojanischen Paris seiner Frau Helena beraubt, woraufhin Patroklos mit dem Halbgott Achilleus zu deren Befreiung in den Krieg zieht (ausführliche Version im Zusammenhang des Trojanischen Krieges: http://www.mythentor.de/griechen/troja1.htm, kurze Zusammenfassung s. Kasten).
Die Geschichte: Patroklos und Menelaos
Die Geschichte: Patroklos und Menelaos
Die beiden Figuren der im Kampf gefallene Patroklos und sein Freund Menelaos entstammen den Wirren des Trojanischen Krieges, wie von Homer in der Ilias erzählt. Patroklos gehört zum Gefolge von Achilleus und bleibt vor Troja zunächst tatenlos. Erst als die Trojaner die Vormacht erringen, gestattet Achilleus als Heerführer Patroklos, an seiner Stelle einzugreifen. In der Rüstung des Achilleus wirft Patroklos sich in die Schlacht. Es gelingt ihm, die Trojaner zurückzutreiben, wobei er viele von ihnen erschlägt, so auch den König der Lyker sowie den Halbbruder Hektors, der auch dessen Streitwagen lenkte. Durch eine List wird Patroklos von Apollon betäubt und seiner Waffen beraubt, woraufhin ihn ein Trojaner hinterrücks mit der Lanze durchbohrt. Hektor gibt ihm den Todesstoß und raubt ihm die von Achill geliehene Rüstung. Hektor kommt in dieser fremden Rüstung später zu Tode, da Achill ihre Schwachstelle kennt und so Hektor, seinen großen Kontrahenten, tötet.
Die Blutspur, die Patroklos durch den Tod vieler Gegner gezogen hatte, ließ seine Leiche zur Trophäe der Trojaner werden. Deshalb entreißt mit schützender Hilfe des Kämpfers Ajax Menelaos den trojanischen Gegnern die Leiche des Patroklos.
Der todesmutige, kein Risiko scheuende Einsatz auf der Seite von Achilleus hat Patroklos zum Helden der Gegner Trojas werden lassen und die Skulptur einer Pietà ähnlich appelliert an die edlen Tugenden des selbstlosen Mutes, aber auch der Freundschaft vor und nach dem Tod.
Die fragmentierte römische Marmorskulptur wurde als Kopie von einem griechischen Original aus der Zeit ca. 240 – 230 v.Chr. mehrfach überarbeitet und beim Restaurieren ergänzt. Die Quellenlage zur Skulptur ist sehr dürftig, größer ist der Fundus zur Replik in der Pasquino-Gruppe in Rom und die weitere Kopie in Florenz. Horst Bredekamp sieht in der figurativ ähnlichen Skulptur der Pasquinofigur ein „Zentrum einer Reihe antiker Statuen, die in ihrer steinernen Unantastbarkeit Wahrheiten zu sagen vermochten, wie sie in keinem anderen Medium vorgebracht werden können. (Bredekamp 2015, S. 95f.) Die Skulptur wurde dort im 16. Jhd. zu einer Litfaßsäule, die mit auf Zetteln angehefteter Satire und Polemik vor allem gegenüber der Kirche bittere Volkswahrheiten...

Friedrich+ Kunst

Sie sind bereits Abonnent?

Jetzt anmelden und sofort lesen

Jetzt weiterlesen mit Friedrich+ Kunst!

  • Digitaler Vollzugriff auf die Inhalte der Zeitschriften Kunst + Unterricht und Kunst 5-10
  • Umfassendes Archiv mit über 300 didaktischen und fachwissenschaftlichen  Beiträgen, z. B.  Unterrichtsbeispiele, Materialblätter, Bildmaterial,  Aufgaben, Hintergrundinformation,  u. v. m.
  • Jährlich über 100 neue Beiträge mit Unterrichtseinheiten zu lehrplanrelevanten Themen

30 Tage kostenlos testen

Mehr Informationen zu Friedrich+ Kunst

Fakten zum Artikel
aus: Kunst und Unterricht Nr. 417 / 418

Kunst. Geschichte begegnen

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 7-13