Johannes Kirschenmann

Bilder vom Menschen

Johannes Kirschenmann

Vergleichendes Sehen als kulturelle Verortung

Eine der besonderen Lernchancen des Kunstunterrichts ist es, Kunstwerke als kulturelle Äußerungen in der Geschichte und Gegenwart zu verstehen. Denn mit der Kunst historischer wie zeitgenössischer werden Sinnfragen des Menschen zu seinem heutigen Leben gestellt.

Inmitten der bildüberhäuften 56. Biennale von Venedig wurde abseits all der disparaten Positionen im Palazzo Fortuny die Frage nach den Proportionen menschlichen Daseins gestellt: das Porträt einer Frau von Sandro Botticelli (1485) und daneben etwas größer im Format Air (1962) aus der Serie Vier Elemente des belgischen ZERO-Künstlers Jef Verheyen (Abb. 1 ).
Botticelli präsentiert in pointierter Weise das Selbstverständnis eines zu neuem gesellschaftlichem Selbstbewusstsein gekommenen Menschen in der Renaissance eine Frau ohne jede Maskerade, wenn auch für sie neben der Imitatio, was damals nicht bloße Abbildung, sondern Idealisierung bedeutete, viel Electio trat. Das Porträt ist vor allem dem humanistischen Selbstverständnis in einem fundamentalen Wandel der damaligen Gesellschaft gewidmet, das auf Selbstvertrauen, Individualität, Weitblick und Kalkül abhob. Dieses Selbstverständnis etablierte ein zentralperspektivisches Blickregime, das weiter regiert und zugleich über die digitale Bildgenerierung und -verteilung konterkariert wird.
Ganz anders der belgische Maler Verheyen, der als ZERO-Künstler am Ende der Spätmoderne mit seiner Leinwand als absoluter Leerstelle erneut die Frage nach Maß und Relation, überhaupt nach Inhalt, Werten und Idealen stellt.
Dass der Platz links neben Botticelli leer ist, ist didaktisch ein Glücksfall. Weil damit das Menschenbild aufgerufen wird, weil die zeitgebundene Funktion des Porträts befragt wird. Beide Bilder prägen nicht nur historisches Bewusstsein aus, sie führen zu ganz existenziellen Fragen des Menschen.
Folgerungen für Didaktik und Unterricht
Die Statements der historischen Kunst werden in didaktischer Perspektive als Reservoir von Kultur gelesen und interpretiert. Historische Bilddokumente gelten dabei als Fundus von geschichtlicher Populär- und Hochkultur, die es im sozialhistorischen Deuten der Bilder in ihrer Funktion zu bestimmen gilt. Die mimetischen Porträts der historischen Kunst sensibilisieren für die historisch an ihre Zeit gebundenen, dann sich verändernden Funktionen des Porträts in der gesellschaftlichen Kommunikation.
Komplementäre Bilder
Digitalität führt zur Beschleunigung, zum Bild ohne langen Bestand. Muße, Konzentration und Intensität in der Auslegung und Nachdenklichkeit zugunsten von Orientierung und Verortung leiden.
Die komplementäre Bildung zum Thema fokussiert besonders jene Bilder, die als Porträts zu kulturellen und medialen Implikationen Auskunft geben. Dies sind vor allem die Bilder des Menschen aus einer weit umspannenden Geschichte der Kunst, die bis zu den biotechnologischen Fiktionen der Gegenwart etwa eines Ed Atkins (K+U 413/414//2017, S. 10f.) reichen.
Das digitale Bild ist wesentlicher Träger und Motor einer vom Bilderstrom gespeisten Affektökonomie der nur so genannten sozialen Medien. Deshalb zielt die pädagogische Verhandlung des digitalen Bildes auf das Selfie in all seinen Varianten in der sozialen Kommunikation. Hareter/Loffredo (2017) unterbreiten dazu fachdidaktische Vorschläge.
Und wieder führt diese omnipräsente Bildsorte zu den Methoden des vergleichenden Sehens (vgl. K+U 417/418//2017, S. 4ff.). Doch im Rekurs auf die Selfie-Analyse des Kunstwissenschaftlers Wolfgang Ullrich gilt auch hier, dass ein vergleichendes Sehen rasch zu einer Gleichheit aus Versehen (Geimer 2010, S. 50) führen kann: „So nahe Selfies den Emoticons stehen, so weit entfernt sind sie von Selbstporträts aus der Geschichte der Kunst. In ihnen ging es darum, der Nachwelt das eigene Aussehen, den gesellschaftlichen Status oder das künstlerische Selbstverständnis zu überliefern,...

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Fakten zum Artikel
aus: Kunst und Unterricht Nr. 421 / 422

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