Raimund Schulz

Innovationsraum, Impulsgeber und imperiale Vorreiter

Raimund Schulz

Der Einfluss der „kolonialen Randgebiete auf die gesamtgriechische Entwicklung

Die griechischen Siedlungsgebiete jenseits des Ägäisraumes standen von Beginn an vor besonderen Herausforderungen: Sie waren zumindest in der ersten Phase einerseits auf einen intensiven Kontakt mit der indigenen Bevölkerung sowie auf Nachsiedler angewiesen und mussten später häufig auf Söldner zurückgreifen. Auf der anderen Seite verfügten sie über größere agrarische Ressourcen als die Poleis des „Mutterlandes, sie waren flexibler bei der Integration neuer Bevölkerungsteile und aufgeschlossen für Spezialisten und militärische Innovationen. Dieser Beitrag fragt nach den Auswirkungen, die diese Konstellation auf die gesamtgriechische Entwicklung hatte, ferner nach den Abhängigkeiten und Wechselbeziehungen zwischen den Randgebieten und dem ägäischen Siedlungszentrum im Bereich der Polisbildung sowie auf machtpolitisch-militärischem, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet.

1. Einleitung
Die Griechische Geschichte wird häufig als ein vom ägäischen Siedlungszentrum bestimmter Entwicklungsprozess beschrieben. Die „Kolonisation ist in diesem Rahmen eine vom Mutterland initiierte Einbahnstraße, die in eine von den Poleis des Ägäisraums weitgehend unabhängige Entwicklung mündete. Neuere Publikationen behandeln dementsprechend beide Räume in der Regel separat, meist in der Form, dass man den „Westgriechen ein eigenes, vom übrigen Geschehen weitgehend isoliertes Kapitel einräumt1; die Geschichte Massilias oder der nordpontischen Poleis bleiben knapp skizzierte Randphänomene.2 Daneben gibt es natürlich eine große Zahl von Sammelwerken (häufig archäologischer Provenienz), die sich ausschließlich den sog. Randgebieten widmen.3 Doch nur selten wird in der Forschung die Forderung laut nach einer intensiveren Integration der von Griechenland aus gesehen peripheren Räume in die gesamtgriechische Geschichte über die üblichen Epochengrenzen hinaus, und noch seltener wird sie umgesetzt.4
Der folgende Beitrag versucht eine konsequente Perspektivumkehr: Er geht von intensiven Interaktionen und wechselseitigen Abhängigkeiten sämtlicher griechischer Siedlungsgebiete und ihrer Randzonen (nicht nur während der Archaik) aus, sucht deren Konsequenzen zu ergründen und fragt danach, inwieweit die besondere Situation der Randgebiete zu Entwicklungen im Bereich der Herrschaftspolitik, des Militärwesens, des Handels und der Wirtschaft sowie der Religion und Philosophie geführt haben, die auf das „Mutterland zurückgewirkten und die griechische Geschichte wesentlich prägten. Natürlich kann in diesem Rahmen kein annähernd vollständiges Bild gezeichnet werden. Es geht vielmehr darum, Schneisen zu schlagen und Entwicklungslinien aufzuzeigen, die für das Gesamtverständnis des komplexen Gefüges transregionaler Impulse innerhalb der Poliswelt (und teilweise darüber hinaus) instruktiv erscheinen und Ausgangspunkt weiterer Forschungen bilden könnten. Um sich der Beantwortung der genannten Fragen zu nähern, gilt es dabei zunächst den Blick auf die Herausforderungen zu werfen, denen sich die Griechen in Übersee stellen mussten.
2. Die Ausgangslage der griechischen Randgebiete und die Grenzen des Transfers politischer Organisationsformen
Als griechische Abenteurer seit dem 9. Jahrhundert v.Chr. aufbrachen, um an fernen Küsten ihr Glück zu suchen, steuerten sie fast durchweg ressourcenreiche Gebiete mit urbanen oder protourbanen Gesellschaften an.5 Wollten sie nicht nur als Piraten und Räuber gefürchtet (und verachtet) werden, mussten sie sich als Spezialisten in Bereichen etablieren, in denen sie Einheimische beeindrucken konnten und Konkurrenten überlegen waren: Söldner und Kaperer boten ihre Kampferfahrung an; Ingenieure bauten keltischen Fürsten Wehranlagen und den Königen des Zweistromlandes Kriegsschiffe;6 Händler und Handwerker arbeiteten in sizilischen und thrakischen Gemeinden für den lokalen Markt,7 verkauften den Eliten...

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Fakten zum Artikel
aus: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht Nr. 3 / 4

Griechische Antike: Zentrum und Peripherie

Friedrich+ Kennzeichnung Methode & Didaktik Schuljahr 1-13