Uwe Walter

Ares-Söhne oder brave Siedler?

Uwe Walter

Migrationen im frühen Griechenland

Der Aufsatz erörtert vor dem Hintergrund der Forschungsgeschichte und aktueller Debatten die ‚griechischen Bevölkerungsbewegungen von der ausgehenden Bronzezeit bis zum Ende der sog. ‚Großen Kolonisation. Vor allem Letztere stellte einen komplexen Ereigniszusammenhang dar: Ihre Ursachen waren nicht überwiegend wirtschaftliche Not und Mangel an Land; die neuere Migrationsforschung macht vielmehr auf die sich selbst in Gang haltenden Dynamiken dauerhafter Ortswechsel auch im frühen Griechenland aufmerksam. Dabei gewinnen „rational choice-Modelle gegenüber der älteren Vorstellung von „push-and-pull-Faktoren Plausibilität. Wie sehr räumliche Mobilität seit früher Zeit eine Handlungsoption darstellte, zeigen markante Beispiele, vom fiktiven Kreter in der homerischen Odyssee bis zum spartanischen Glücksritter Dorieus.

1. Die Griechen: für sich oder im Netzwerk? Etappen der Forschungsgeschichte
Die „Griechische Geschichte, wie sie heute erforscht und gelehrt wird, ist Ergebnis eines langen und von vielen inner- wie außerwissenschaftlichen Faktoren bestimmten Konturierungsprozesses.1 Da in diesem Prozess die „Eigenart der Griechen (Richard Harder) und die Frage nach dem „Volk der Hellenen modern gesprochen: „Identität und „Ethnizität eine wesentliche Rolle spielten, hat man deren Geschichte in der Antike auch anhand ihrer Migrationen2 und der durch diese ausgelösten Formierungen rekonstruiert. So wurde auf der Basis der Interpretation der Wanderungs- und Gründungsmythen sowie archäologischer und sprachgeschichtlicher Befunde die Ausbildung eines griechischen Volkes üblicherweise mit massiven „Wanderungen in der nachmykenischen Zeit verbunden, die im Ergebnis die Stammes- und Dialektgeographie der historischen Epochen hergestellt hätten (s.u.). Davon scharf abgegrenzt wurde die „Große Kolonisation zwischen 750 und 550.3 Man betrachtete sie als räumliche, ethnische und politische Ausdehnung einer im Kern bereits vollendeten griechischen Identität, auch wenn Rückwirkungen der „Tochterstädte auf das „Mutterland stets im Blick waren (s. den Aufsatz von Raimund Schulz). Sowohl konzeptionell wie historiographisch dominierte in diesem Zusammenhang durchaus mit guten Gründen ein Zentrum-Peripherie-Modell, manifest im Begriffspaar „Metropolis und Apoikie (s. den Aufsatz von Frank Bernstein).
Auch die (bereits in der Antike geläufige) Tatsache, dass die Griechen vielfältige Einflüsse von ‚außen, zumal aus dem sogenannten ‚Orient aufgenommen haben (s. bilanzierend den Beitrag von Monika Schuol), lässt sich bestens wenn nicht mit Migrationen großen Stils, so doch mit der räumlichen und geistigen Mobilität von Individuen und kleinen Gruppen in Verbindung bringen; dabei spielen multiethnische und multikulturelle hotspots der früharchaischen Zeit wie Al Mina, Zypern oder Pithekussai eine zentrale Rolle (der Nordpontosraum auffälligerweise weit weniger), ebenso griechische Spezialisten, die sich in Ägypten, Kleinasien oder im Perserreich tummelten, aber auch eine ganze Region wie die Insel Euboia, von der offenbar zeitweise eine beträchtliche Erkundungs- und Nachahmungsdynamik ausging: Euboier wagten sich ab dem frühen neunten Jahrhundert in das dynamische Dreieck zwischen Kilikien, Zypern und Syrien bis hinunter nach Gaza und sie fassten über die Routen phönikischer Seefahrer an der Westküste Italiens Fuß.4 Auch bei den nach 500 unternommenen, mehr oder minder dauerhaften Versuchen, größerräumige Macht zu etablieren, waren Migrationen in Gestalt von Stadtgründungen konstitutiv; das gilt für Athen in klassischer Zeit (Kleruchien; Thurioi; Brea) sowie in etwas größerem Umfang für Syrakus und Sizilien5, wurde jedoch erst durch Alexander und dann im Seleukidenreich in wahrhaft imperialer Dimension praktiziert.6
Der global- und verflechtungsgeschichtliche ‚turn in der Geschichtswissenschaft insgesamt hat in den letzten drei Jahrzehnten zweifellos auch...

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Fakten zum Artikel
aus: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht Nr. 3 / 4

Griechische Antike: Zentrum und Peripherie

Friedrich+ Kennzeichnung Methode & Didaktik Schuljahr 1-13