Raimund Schulz | Uwe Walter

Altertum

Raimund Schulz | Uwe Walter

(letzter Bericht GWU 69, 2018, H. 1/2, S. 103 – 119 und H. 3/4, S. 221 – 241)

3. Die Griechen
„Mykene ist ein Thema, das in dreifacher Weise das Interesse von Historikern beanspruchen kann. Zum einen geht es um die Frage nach den „Griechen vor den Griechen, also den Migrationsbewegungen und Machtbildungen im 2. Jahrtausend v. Chr. in großen Teilen des späteren Siedlungsgebiets der Hellenen (Festland, Kreta, kleinasiatische Westküste); dabei stehen Kontinuität und Diskontinuität sowie mögliche Rückerinnerungen der Griechen an „ihre Heroenzeit im Mittelpunkt. Zum anderen stellte die mykenische Kultur eine Ausprägung bronzezeitlicher Hochkulturen dar, die vergleichend untersucht werden kann: Was waren die Voraussetzungen und Besonderheiten ihrer Formierung, welche Leistungen hat sie erbracht, vor allem jedoch: Warum verschwand sie nach 1200 einigermaßen rückstandslos von der Bildfläche? Und schließlich gehört die Wiederentdeckung dieser Kultur von Heinrich Schliemanns Ausgrabungen bis zu der von Michael Ventris angestoßenen Entzifferung der Linear B-Schrift zu den spannendsten Kapiteln der Altertumswissenschaft im 19. und 20. Jahrhundert. Einen reich illustrierten Einblick auf aktuellem Forschungsstand bietet der Begleitband zur großen Sonderausstellung im Badischen Landesmuseum Karlsruhe (2019)56. Die mehr als fünfzig kurzen Beiträge umreißen zunächst die Entdeckung der mykenischen Kultur, ihre Grundlagen in der mittleren Bronzezeit und das ‚minoische Kreta als Vorbild, sodann die sog. Schachtgräberzeit, aus der die Schliemann-Funde (‚Maske des Agamemnon) stammen. Im Zentrum steht jedoch die sog. Palastzeit, die je nach Ort etwa zweihundert Jahre (ca. 1400 –1200 v. Chr.) währende Blüte- und Spätphase vor dem den gesamten ostmediterranen Raum erfassenden „Inferno in der Bronzezeit. Gesonderte Abschnitt behandeln Kult und Religion sowie „Leben, Arbeiten, Handeln. Der ans Ende gerückte Katalogteil erfasst alle Exponate mit kurzen Erläuterungstexten.
Einige Beiträger richten methodisch sensibel historische Fragen an die Deutung des archäologischen Materials. So musste eine Vielzahl von Waffen in einem Grab nicht unbedingt „eine Potenzierung militärischer Macht bedeuten, sondern kann für die Vernetzung führender Persönlichkeiten stehen (Bernhard F. Steinmann, S. 88). Michael Cosmopoulos macht am Beispiel von Iklaina in Messenien gegen die neo-evolutionistische Theorie plausibel, dass die großen mykenischen Paläste nicht aus Häuptlingstümern hervorwuchsen (S. 134 –139); vielmehr entstanden zunächst miteinander konkurrierende kleinere Zentren, die dann teilweise von einem besonders durchsetzungsstarken Wettbewerber ‚geschluckt wurden. Im Fall von Iklaina war das Pylos. In dieser Rekonstruktion konnte sich der siegreiche Palaststaat freilich seiner Expansion nur etwa zwei Generationen lang erfreuen und den Übergang von einem Segmentärstaat zu einem Territorialstaat nicht abschließen; dabei mögen Instabilität und Überdehnung des Palastsystems während dieses Übergangs wichtige Ursachen für den raschen Zusammenbruch im frühen 12. Jahrhundert gewesen sein. Ulrich Thaler entschlüsselt die Raumordnung und -hierarchie in den Palästen mit ihrer „Abstufung von Zugangsrechten (S. 149 –157); er spricht dabei vom „unsichtbaren wanax in der Tat erscheint der Herrscher niemals im Bild, „außer im Blick auf den Thron, wo er in Pylos lebendiger Teil des ‚Gesamtkunstwerkes ist (S. 156). Aber dass im jeweils vornehmsten Raum eines Palastes der Thron eines Königs stand, ist lediglich eine Annahme; es gibt auch gute Argumente für Familien oder Oligarchien als Spitze der mykenischen Kleinreiche57. Diese nicht-kanonische Sicht unerwähnt zu lassen bildet ein Manko des ansonsten instruktiven Bandes.
Die von Edith Hall vorgelegte Kulturgeschichte der Griechen in der Antike58 ist das vorläufig jüngste Glied in einer langen Kette von einst in der bildungsbürgerlichen Welt weit verbreiteten...

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Fakten zum Artikel
aus: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht Nr. 3 / 4

Griechische Antike: Zentrum und Peripherie

Friedrich+ Kennzeichnung Methode & Didaktik Schuljahr 1-13