Corinna Link

Ein „Kronjuwel“ – drei Geschichten?

Der Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi am Spinnrad. Aufnahme Anfang 20. Jahrhundert
Der Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi am Spinnrad. Aufnahme Anfang 20. Jahrhundert, © imago images/KHARBINE-TAPABOR

Corinna Link

Wie bilingualer Geschichtsunterricht zur Vermittlung einesaktuellen Kulturbegriffs beitragen kann

Bilingualer Geschichtsunterricht ist die institutionalisierte „dialogische Annäherung von (Geschichts-)Kulturen. Stunde für Stunde, Satz für Satz werden hier mehrsprachig Geschichtskulturen vermittelt, verglichen, zusammengeführt. So ermöglicht bilingualer Geschichtsunterricht „kritische Sinnbildung. Die „Plausibilität einer vorhandenen Sinnbildung [wird] bestritten, neue werden „in Abgrenzung zu bestimmten Orientierungs- und [] Identitätsangeboten entworfen (Meyer-Hamme 2012, S.91). Damit kommt bilingualem Geschichtsunterricht eine unmittelbare kulturdidaktische Relevanz zu: Aus den neuen Sinnbildungen, die auf Vermittlung, Vergleich und Zusammenführung kultureller Deutungsmuster (Altmayer 2006, S.51) beruhen, können „schnell Konventionen werden (Meyer-Hamme 2012, S. 91). Bilingualer Unterricht kann so neue Geschichtskulturkonventionen schaffen z.B. im Zuge einer postkolonialen Geschichtsschreibung, wie sie im vorliegenden Beitrag anvisiert ist.
Didaktische Überlegungen
Drei repräsentative Darstellungstexte aus einem britischen, einem indischen und einem deutschen Schulbuch zeigen drei unterschiedliche Deutungsmuster (Altmayer 2006, S.51) zum britischen Imperialismus in Indien auf. Mithilfe von Concept Maps können diese aus dem Schulbuchmaterial extrahiert werden. Sinnzusammenhänge werden dabei in Form von Propositionen erfasst. Sie bestehen aus sog. Knoten (Wörter in Vierecken) und Kanten (Wörter an Pfeilen). Concept Maps ermöglichen als konzentrierte Darstellung textuell verfasster Sinnzusammenhänge die fokussierte, vergleichende Analyse mehrerer Deutungsmuster.
Die hier analysierten Deutungsmuster unterscheiden sich je nach historischer und aktueller Gruppenzugehörigkeitserfahrung deutlich. Weil sie im Schulbuchdarstellungstext vorliegen, müssen sie als Ausdruck der „Verarbeitung von Geschichte in der gegenwärtigen Lebenswelt, die die Schülerinnen und Schüler umgibt, verstanden werden; sie stellen somit und zwar ein jedes für sich „Geschichtskultur dar (Pandel 2012, S.150). Mit der Zusammenführung dieser drei Geschichtskulturen im bilingualen Unterricht zielt das Material auf die Entwicklung und Vermittlung eines aktuellen Kulturverständnisses. Das drückt sich nicht nur darin aus, dass inhaltlich ein über die sonst in der Regel dominierende deutsche Geschichte hinausgehendes Thema behandelt wird (Wildhage, Otten 2009, S.20), sondern ein aktuelles Kulturverständnis soll v.a. dadurch angelegt werden, dass verschiedene Perspektiven auf eine gemeinsam erlebte Geschichte zur Geltung kommen (deutsch, englisch, indisch). Die Überlegung, dass der bilinguale Unterricht einen fachlichen Mehrwert im Sinne einer kulturellen Perspektivenerweiterung bedeuten könne, beruht auf der Annahme, dass die kulturellen Perspektiven der Sprache inhärent seien (Clemen, Sauer 2007, S. 709).Sprache wird damit als kulturdeterminierend aufgefasst. Diese Annahme begründet auch den vorliegenden Unterrichtsentwurf.
Natürlich birgt ein solcher Ansatz die Gefahr, ein essentialistisches (National)-Kulturverständnis zu perpetuieren. Es liegt ihm schließlich selbst zugrunde (Maset 2016, S. 19). Besonders leistungsstarke Klassen können diese Problematik mithilfe des vorliegenden Materials am Ende der Stunde im Rahmen eines selbstreflexiven Werturteils erörtern (Optionale Vertiefung). Auch für den Unterricht in regulären Klassen wird in der vorliegenden Stundeneinheit weniger Inhaltliches neu erschlossen. Vielmehr sollen unterschiedliche Perspektiven auf diesen „Inhalt mithilfe des Concept Map-Verfahrens aufgedeckt werden. Das erlaubt einen Vergleich und eine abwägende Einschätzung der drei behandelten Perspektiven auf den britischen Imperialismus in Indien. Das hier präsentierte Material sollte damit am Ende der Unterrichtseinheit „Imperialismus eingesetzt werden. Eine Durchführung im Rahmen...
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Fakten zum Artikel
aus: Geschichte lernen Nr. 197 / 2020

Bilingualer Geschichts­unter­richt

Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 8-10