Janka Mittermüller

Wilhelm II. – der Untergang des deutschen Kaiserreiches?

Q1: Die Karikatur „The Head of the German Vam-Pire“ von E. T. Reed erschien am 30.09.1914 im britischen Boulevardmagazin The Bystander.
Q1: Die Karikatur „The Head of the German Vam-Pire“ von E. T. Reed erschien am 30.09.1914 im britischen Boulevardmagazin The Bystander., © picture alliance/Mary Evans Picture Library

Janka Mittermüller

Urteilsbildung anhand von Historikerkontroversen

Wilhelm II. polarisierte nicht nur in der Beurteilung durch seine Zeitgenossen, sondern auch in der aktuellen historischen Forschung. Umso wichtiger erscheint es, dass Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe II sich in der Dekonstruktion historischer Darstellungen schulen, Urteilskompetenz entwickeln und somit zu einer mündigen Teilhabe an der Geschichtskultur befähigt werden.
Didaktische Überlegungen
Sowohl um die Kontinuitäten deutscher Hegemonialpolitik vom Kaiserreich zum Nationalsozialismus als auch um die Frage nach Schuld und Verantwortung am Kriegsausbruch 1914 und die Ursache des Niedergangs der letzten deutschen Monarchie ranken sich bis heute Kontroversen. Deren wiederkehrende Brisanz und die damit einhergehende andauernde Aufarbeitung des historischen Sujets in Geschichtswissenschaft und -kultur, die zuletzt 2019 anlässlich der Entschädigungsforderungen der Hohenzollern medial zu verfolgen war, eröffnet die Relevanz des Unterrichtsinhaltes für die Schülerinnen und Schüler. Indem eine Bewertung der Entscheidungen, des Verhaltens und Handelns Wilhelms II. eingefordert und dabei an die zwischen Tradition und Moderne schwankende Politik-, Kultur- und Gesellschaftsgeschichte des Deutschen Kaiserreiches rückgebunden wird, sollen die Lernenden einerseits zur Auseinandersetzung mit (außer-)wissenschaftlichen Kontroversen der Geschichtskultur und andererseits mit der Multikausalität historischer Entwicklungen am Beispiel von Interdependenzen von Struktur- und Personengeschichte angehalten werden.
Die vorliegende Unterrichtsidee bildet den Abschluss einer Unterrichtseinheit zum Deutschen Kaiserreich. Dabei werden zum einen Bezugspunkte sowohl zur Gesellschaftsstruktur und dem politischen Werdegang Wilhelms II. geschaffen. Zum anderen sollen seine Intention einer Etablierung eines ‚persönlichen Regimentes sowie die Weltmachtpolitik der Wilhelminischen Ära im Zusammenhang mit dem Imperialismus, den internationalen Krisen und der Eskalation der außenpolitischen Spannungen im Vorfeld des Ersten Weltkrieges kritisch auf die Verantwortung des Kaisers für den Niedergang des Kaiserreiches hinterfragt werden. Einer Auseinandersetzung mit Historikerurteilen über Wilhelm II. sollte insofern die Erarbeitung grundlegender Aspekte der Biografie Kaiser Wilhelms II. und seines politischen Selbstverständnisses, der zentralen gesellschaftlichen und innenpolitischen Strukturen sowie der Wilhelminischen Außenpolitik bis zur Julikrise 1914 vorausgehen.
Sachanalyse
Kaiser Wilhelm II. polarisierte bereits in der Wahrnehmung seiner Zeitgenossen, was auch die zahlreichen Spitznamen zeigen, mit denen jener versehen wurde.
Zeitgenössische Wahrnehmungen Wilhelm II.
Dem zeitgenössischen Urteil zufolge konzentrierte sich der „Reisekaiser bzw. „Medienkaiser mehr auf seine öffentlichen Auftritte als auf das politische Tagesgeschäft, wodurch er zumindest Berlin betreffend eher als „Wilhelm der Abwesende in Erscheinung getreten sei. Sein reges Interesse für die Moderne habe sich zwar überwiegend auf technische Erfindungen, z.B. Automobile, Flugzeuge sowie Film und Wissenschaft, beschränkt, sein traditionelles, absolutistisch geprägtes Rollenverständnis jedoch nicht berührt.
Insbesondere durch impulsive Eingriffe in die Diplomatie und damit häufig einhergehende martialische Reden geriet Wilhelm II. im In- und Ausland stark in die Kritik: Er wurde persönlich für die zunehmend angespannten Beziehungen zwischen den Großmächten und die evidenter werdende Kriegs-gefahr verantwortlich gemacht ein Bild das v.a. von Journalisten, Schriftstellern und Publizisten genährt und verbreitet wurde (Mommsen 2002, S.257). Noch vor Kriegsende wurde der Kaiser so Zielscheibe eines regelrechten internationalen und nationalen Massenhasses. Er wurde zum Mittelpunkt alliierter Kriegspropaganda, die ihm die verheerenden Folgen des Großen Krieges anlastete, und der...
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Fakten zum Artikel
aus: Geschichte lernen Nr. 195 / 2020

Leben im Kaiserreich

Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 1-13