Rebecca Quick

„Wie ein Dieb in der Nacht“ in den „goldenen Westen“?

Abb.1: Im Tafelbild werden die Ergebnisse der Gruppenarbeit gebündelt und festgehalten.
Abb.1: Im Tafelbild werden die Ergebnisse der Gruppenarbeit gebündelt und festgehalten.

Rebecca Quick

„Republikflüchtige aus der DDR und Rückkehrer in die DDR zwischen Freiheitsstreben und Enttäuschung

Bis zum Mauerbau am 13. August 1961 flüchteten 2,7 Millionen Menschen aus der DDR, viele davon nach Westberlin, doch auch rund 500.000 Menschen zog es von West nach Ost, darunter Prominente wie Wolf Biermann und Stefan Heym. Die Gründe, der DDR den Rücken zu kehren, waren vielfältig. Sie konnten zum Beispiel wirtschaftlicher, beruflicher oder familiärer Natur sein, über allem aber schwebte die Unzufriedenheit mit dem politischen Regime. Dieses sah in der Abwanderung zunehmend ein Problem, denn gerade hoch qualifizierte Fachkräfte suchten ihr Glück im demokratischen Westen, während sie doch dringend für den Wiederaufbau des Ostens gebraucht wurden.
Diesem Verlust an Bürgern und Arbeitskräften versuchte das Zentralkomitee zunächst durch Überzeugungsarbeit zu begegnen. Durch „politische Aufklärungsarbeit (Heidemeyer 1994, S. 7) sollte bei den Jugendlichen das Klassenbewusstsein gestärkt und über die „schlechten Zustände im Westen informiert werden. Ebenso wurden Republikflüchtige diskreditiert, die „Wie ein Dieb in der Nacht (vgl. Plakat DEWAG 1958), nachdem sie die Wohltaten des Sozialismus genossen hätten, ihr „Vaterhaus verlassen hätten. Eine besonders drastische Maßnahme war die „Aktion Ungeziefer, in der politisch unzuverlässige Grenzanwohner 1952 umgesiedelt wurden.
Ferner versuchte die DDR-Führung der Abwanderung durch Verordnungen zu begegnen, seit 1954 mit einer Genehmigungspflicht für Ausreisen durch das neue Passgesetz der DDR. Gleichzeitig entstanden entlang der innerdeutschen Grenze Sperranlagen. Trotzdem ging die Zahl der „Republikflüchtlinge nicht merklich zurück. Seit der Grenzschließung verlagerten sich die Ströme nach Berlin, wo die Sekto-rengrenzen noch offen waren. Hans-Ulrich Wehler schätzt, dass mehr als 4,6 Millionen Menschen bis 1990 das Gebiet der DDR verließen (vgl. Wehler 2008, S. 45), d.h., die DDR war stets ein „Auswanderungsland (Geißler 2006, S. 43). Des Weiteren flüchteten zahllose Menschen aus den polnischen und sowjetischen Ostgebieten in die Bundesrepublik.
Insbesondere jüngere, gut ausge-bildete Spezialisten wie Ärzte und Ingenieure verließen die DDR aufgrund besserer Aufstiegs- und Verdienstmöglichkeiten im Westen, aber auch Menschen, die freie Entscheidungen für ihr Leben treffen wollten. Schätzungsweise verlor die DDR in den 50er-Jahren knapp ein Drittel ihrer Akademiker (vgl. Geißler 2006, S. 64). Für den Westen wiederum waren die Fachkräfte ein doppelter Gewinn, denn einerseits wirkten sie durch ihre Expertise aktiv am „Wirtschaftswunder mit, andererseits musste die BRD nicht mehr in ihre Ausbildung investieren.
Nach dem Bau der Mauer brach die Zahl der DDR-Flüchtlinge stark ein, doch weiterhin gelang Menschen die Flucht in den Westen, der sich nicht in jedem Fall als „goldener Westen erwies, sondern für manche zu einem langen Warten in sozialer Not in Notaufnahmelagern wurde. Zudem waren abgelehnte DDR-Flüchtlinge von Eingliederungshilfen ausgenommen und auf Fürsorgeleistungen angewiesen (s. Link zum Notaufnahmelager). Rückkehrer in die DDR, die ihre Flucht nicht „aufrichtig bereuten, wurden in einer „Sperr- und Hinweiskartei vermerkt und galten in der DDR als unerwünscht.
Didaktische und methodische Überlegungen
Spätestens mit dem Flüchtlingsstrom 2015 in die Bundesrepublik vorrangig aus dem Nahen Osten hat das Thema Flucht und Migration auch in die Lebenswirklichkeit der Lernenden Einzug gehalten. Am vorliegenden Beispiel von „Republikflüchtigen und Rückkehrern in die DDR befassen sich die Schülerinnen und Schüler im Kontext der deutsch-deutschen Teilung mit der Binnenmigration und Flucht in den 1950er- und 1960er-Jahren. Anhand zeitgenössischer Zeitungsartikel aus Ost und West, eines Plakates und einer Rede des Bundespräsidenten Theodor Heuss erkennen sie Motive der Flüchtenden, ihre Heimat, ihre Familie und ihr altes...

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aus: Geschichte lernen Nr. 198 / 2020

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Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 9-13