Thomas Mayer

„Von der alten Heimat zu der neuen Heimat“

 Fritz Freudenheim, Von der alten Heimat zu der neuen Heimat, Überfahrt Hamburg – Montevideo 1938
Fritz Freudenheim, Von der alten Heimat zu der neuen Heimat, Überfahrt Hamburg – Montevideo 1938, © Irene G. Freudenheim

Thomas Mayer

Die Karte des Fritz Freudenheim

Die Weimarer Reichsverfassung kannte hinsichtlich der staatsbürgerlichen Rechte keine Unterscheidung von Juden und Nichtjuden. Dennoch erlebten viele Juden auch zur Zeit der Weimarer Republik Diskriminierung und Ausgrenzung (vgl. Rürup 2017, S.26). Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 wurde der Antisemitismus zur Staatsdoktrin erhoben, wobei die NSDAP auf die konkreten Aspekte der „Judenfrage aus ihrem Programm von 1920 rekurrierte (vgl. Friedländer 2007, S. 38). Die Umsetzung fand sowohl auf normativer als auch auf propagandistischer Ebene statt. So folgten dem Boykott jüdischer Geschäfte vom 1. April 1933 gesetzliche Maßnahmen. Gesetze wie das am 7. April 1933 erlassene „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, das „Reichskulturkammergesetz vom 22. September 1933 sowie die „Nürnberger Gesetze von 1935 erklärten die Juden zu Menschen niederen Rechts und entzogen ihnen die Lebensgrundlage.
Die Juden reagierten in unterschiedlicher Weise auf die Kanzlerschaft Hitlers. Während manche noch auf Entspannung der Situation hofften, erkannten andere, dass es für sie keine Zukunft mehr in Deutschland geben würde, und versuchten zu flüchten. Dabei standen sie vor der Schwierigkeit, dass viele Staaten die Einreise von deutschen Juden durch verschiedene Bestimmungen (Quoten, Bürgschaften, Alters-, Vermögens-, Gesundheitsbestimmungen) stark reglementierten. Aufgrund der sich verschärfenden Situation rief der amerikanische Präsident Theodor Roosevelt 1938 eine Konferenz im französischen Évian-les-Bains ein, auf der die Situation der Flüchtlinge erörtert wurde. Sie blieb jedoch weitgehend folgenlos. Die „Arisierung von Vermögenswerten, die „Reichsfluchtsteuer sowie die Kennzeichnung der Reisepässe ab Oktober 1938 erschwerten die Ausreise zusätzlich, sodass viele Juden Deutschland nicht rechtzeitig verlassen konnten. Trotz aller Hindernisse konnten bis zu den Novemberpogromen 1938 ca. 150.000 Juden Deutschland verlassen (vgl. Jünger 2017).
Zu den bevorzugten Fluchtzielen in Lateinamerika zählte das europäisch geprägte Uruguay. Obwohl dort im Laufe der 1930er-Jahre die Einwanderungsbestimmungen verschärft wurden, gewährte das Land doch 7.000-7.500 Flüchtlingen, mehrheitlich Juden, Zuflucht (vgl. Stiftung Jüdisches Museum 2006, S.153).
Fritz Freudenheim
Einer von ihnen war Fritz Freudenheim, der seine Flucht dokumentierte. Fritz, der bei seiner Ankunft in Uruguay den Namen Federico erhielt, wurde am 11. Juli 1926 in Berlin geboren. Bereits 1927 zog die sehr religiöse Familie nach Mühlhausen in Thüringen. Obwohl blond und blauäugig, erlebte Fritz als einziger jüdischer Schüler seiner Klasse schon früh Diskriminierung und Ausgrenzung.
Als es jüdischen Kindern schließlich verboten wurde, deutsche Schulen zu besuchen, wechselte er auf die fortschrittliche jüdische Holdheim-Schule in Berlin, wo er sein einziges glückliches Schuljahr in Deutschland verbrachte. 1938 entschlossen sich seine Eltern, Deutschland zu verlassen und nach Uruguay zu fliehen. Dort gelang es Federico schnell, sich zu integrieren und gute Leistungen in der Schule zu erbringen.
In Montevideo gab es seit 1938 eine deutschsprachige antifaschistische Rundfunkstunde, die der Vater der damals noch zukünftigen Frau Freudenheim initiiert hatte. In einer Mail an den Autor berichtet sie, dass ihr Vater jeden Abend über die Ereignisse im Zweiten Weltkrieg berichtet habe, was für die neuen Einwanderer sehr wichtig gewesen sei, da sie noch kein Spanisch verstanden hätten und der Postverkehr durch Krieg und Zensur immer kläglicher geworden sei. Über KZs, den Widerstand und dergleichen habe man nichts Genaues gewusst, obwohl es viele Information über Exilquellen aus New York, Paris, Mexiko usw. gegeben habe.
Zwischen 1941 und 1944 besuchte Federico eine Industrieschule und absolvierte eine Ausbildung zum Maschinenbautechniker und Konstrukteur. Seine Eltern...

Friedrich+ Geschichte

Sie sind bereits Abonnent?

Jetzt anmelden und sofort lesen

Jetzt ganz einfach mit F+ weiterlesen

  • 30 Tage kostenloser Vollzugriff
  • 5 Downloads gratis enthalten

30 Tage kostenlos testen

Mehr Informationen zu Friedrich+ Geschichte

Fakten zum Artikel
aus: Geschichte lernen Nr. 198 / 2020

Migration

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 7-13