Jennifer Bauer

Vergangenheitsbewältigung – nur ein deutsches Problem?

Die Gedenkstätte im Valle de los Caídos bei Cuelgamuros in der Sierra de Guadarrama in Spanien war bis zum 24. Oktober 2019 die Grabstätte Francos.
Die Gedenkstätte im Valle de los Caídos bei Cuelgamuros in der Sierra de Guadarrama in Spanien war bis zum 24. Oktober 2019 die Grabstätte Francos., © pedrosala/stock.adobe.com

Jennifer Bauer/Sarah Fritschle/Ute Kalter

Die historische Erinnerung an die Franco-Diktatur in Spanien

Vergangenheitsbewältigung das ist ein gleichermaßen populäres wie vielschichtiges Wort „gilt als typisch deutsch, ist kaum übersetzbar und in jedem Fall erläuterungsbedürftig (Reichel 2007,S. 20). Dass es sich stets und ausschließlich auf die Zeit des Nationalsozialismus bezieht, ist hingegen selbstredend. Gleichwohl ist die Problemstellung, die es beschreibt, keine ausschließlich deutsche, auch wenn die deutsche Vergangenheitsaufarbeitung international oftmals als beispielhaft bezeichnet wird.
Dass Nationalsozialismus und Franquismus nicht gleichgesetzt werden können, ist offensichtlich. Zulässig erscheint jedoch ein Vergleich der unterschiedlichen historischen Entwicklungen und Herangehensweisen in beiden Zivilgesellschaften.
Sachanalyse
Um die heutige Problematik der historischen Erinnerung in Spanien zu begreifen, muss man bis zum spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) zurückgehen.Dieser forcierte eine Spaltung des Landes in „zwei Spanien, in zwei politisch-ideologische Lager, die auch die aktuelle Diskussion weiterhin prägt. Absolute Opferzahlen gibt es nicht. Einem spanischen Forschungsüberblick von 1999 zufolge ist „von bis zu 50.000 Opfern in der republikanischen Zone und mindestens 150.000 Opfern der franquistischen Bürgerkriegsgewalt (Capdepon 2010, S.1) auszugehen. Neueste demogra-fische Erkenntnisse weisen auf noch weitaus höheren Zahlen hin.
Es gehört zur aktuellen spanischen Realität, dass der Verbleib vieler Opfer des Bürgerkrieges und der brutalen Unterdrückung in den Anfangsjahren der Diktatur noch immer unbekannt ist oder aber dass die Stellen, an denen die Überreste vermutet werden, zwar bekannt sind, jedoch keine Genehmigung zur Exhumierung vorliegt.
„Es scheint klar zu sein, dass diese Phänomene fehlender Auseinandersetzung mit der Vergangenheit auf den Kompromisscharakter der Transition zurückzuführen sind (Bernecker 2007, S. 66). Auch mit dem Tod Francos 1975 kam es zu keinem Bruch. Noch zu Lebzeiten hatte er dafür Sorge getragen, dass die in seinem Sinne „geordneten Verhältnisse auch nach seinem Ableben bestehen blieben. 1969 bestimmte er den von ihm erzogenen Juan Carlos de Borbón auf Grundlage der Ley de sucesión en la Jefatura del Estado zu seinem Nachfolger (Doc.3, hdt/AB3). Francos Leichnam wurde, vermutlich auf seinen indirekten Wunsch hin, im sog. Valle de los Caídos, einer riesigen, in den Stein gesprengten Kirche, beigesetzt. Diesen monumentalarchitektonischen Bau mit angsteinflößender Symbolik hatte er noch zu Lebzeiten von schätzungsweise bis zu 20.000 republikanischen Gefangenen errichten lassen. Zunächst nur als Erinnerungsstätte für die nationalistischen Bürgerkriegsopfer gedacht, wurden dort später auch Opfer des republikanischen Lagers ohne Zustimmung der Angehörigen in einem Massengrab beigesetzt.
Zwei Tage nach Francos Tod, am 22. November 1975, hielt der neue König Juan Carlos I. seine erste öffentliche Rede in den Cortes, in der er in Verbundenheit zum verstorbenen Diktator vom Beginn einer neuen Zeit sowie von Freiheit und Gerechtigkeit sprach (Doc.2 hdt/AB 2). „Die Absicht, König aller sein zu wollen, und die Beschwörung eines nationalen Konsenses stellten eine ‚nationale Versöhnung in Aussicht (Macher 2002, S. 28). Der Übergang zur Demokratie politisch eine radikale Abkehr vom alten System wurde in Hinblick auf den Umgang mit dem Bürgerkrieg und der 36 Jahre andauernden Diktatur und ihrer Opfer von einem ‚Pakt des Schweigens getragen: callar y olvidar. Dieser wurde juristisch durch die Ley de Amnistía vom 15. Oktober 1977 besiegelt: Sie gewährte eine weitreichende Amnestie für politische Gefangene, die eine Strafverfolgung der vor dem 15. Dezember 1976 begangenen politischen Verbrechen verhinderte und das bis heute. Intendiert wurde ein kontrollierter, auf Sicherung der jungen demokratischen Verhältnisse und auf...

Friedrich+ Geschichte

Sie sind bereits Abonnent?

Jetzt anmelden und sofort lesen

Jetzt ganz einfach mit F+ weiterlesen

  • 30 Tage kostenloser Vollzugriff
  • 5 Downloads gratis enthalten

30 Tage kostenlos testen

Mehr Informationen zu Friedrich+ Geschichte

Fakten zum Artikel
aus: Geschichte lernen Nr. 197 / 2020

Bilingualer Geschichtsunterricht

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 10-13