Nina Mackert/Maren Möhring

Selbst essen

Nina Mackert/Maren Möhring

Lebensreformerische Ernährungspraktiken und Subjektkonstitution um 1900

Für die Geschichte der modernen Ernährung sind Verwissenschaftlichung und Rationalisierung der Nahrungsaufnahme als entscheidende strukturelle Prozesse herausgearbeitet worden. Die historische Anthropologie nun fragt aus mikrohistorischer Perspektive, wie die Konsument:innen selbst mit dem neuen Ernährungswissen umgingen, dieses herausforderten oder auch umdeuteten. Am Beispiel eines US-amerikanischen und deutschen Lebensreformers zeigt der Beitrag, wie beide ihren Nahrungskonsum gestalteten und sich als selbstdisziplinierte Subjekte entwarfen, die Verantwortung für die Gesundheit ihres Körpers übernahmen.

Menschen und Tiere müssen essen. Etymologisch verweist das Wort „(er-)nähren auf die Funktion, einen Körper „am Leben [zu] erhalten.1 Damit zählt die Ernährung zu den tierischen wie menschlichen Grundbedürfnissen eine Charakterisierung, die jedoch noch nichts über die fundamentalen historischen wie auch regionalen Unterschiede verrät, mit denen zumindest Menschen ihre Essensauswahl, Zubereitungs- und Verzehrweisen sowie ihre Speiseordnungen und -tabus gestalten.2 Am Beispiel lebensreformerischer Ernährungspraktiken in den USA und Deutschland um 1900 möchten wir verdeutlichen, wie historisch-spezifische Problematisierungen und Veränderungen eine Alltagspraxis wie das Essen in der Moderne geprägt haben (und teils noch immer prägen) und von Menschen im Umgang mit ihrem Körper angeeignet wurden.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begannen sich Vorläufer dessen zu etablieren, was seit den 1950er Jahren als Ernährungswissenschaft firmiert. Diese (natur)wissenschaftlichen Erkenntnisse über den menschlichen Metabolismus und über den Nährstoffgehalt von Nahrungsmitteln basierten nicht zuletzt auf einer zunehmenden Quantifizierung und Rationalisierung der Ernährung und des Körpers, wie sie z.B. durch die Einführung der Kalorie ermöglicht wurde.3 Die Verwissenschaftlichung und Rationalisierung von Essen und Ernährung und die sukzessive Proliferation dieses zunächst akademischen Wissens in die Alltagswelt lassen sich als zentrale Dimensionen moderner Ernährungsstile verstehen.4
Wie jedes Wissen blieben auch die schon innerwissenschaftlich kontrovers diskutierten ernährungswissenschaftlichen Thesen nicht unumstritten. Insbesondere die Lebensreformbewegung um 1900 reagierte auf bestimmte Annahmen, etwa dass eine tierische Ernährung besonders gesundheitsfördernd sei, allergisch. Anhänger:innen der Lebensreform setzten stattdessen auf eine vegetarische oder sogar eine Rohkost-Diät und entwickelten eigene Vorstellungen, wie die Nahrung dem Körper zuzuführen sei zum Beispiel erst nach ausgiebigem Kauen, dem sog. Fletchern.5 Vor allem folgten sie der Annahme, dass ein jeder und eine jede für die eigene Gesundheit selbst verantwortlich sei.6 Dieses neue Verständnis von Ernährung und Gesundheit verbanden die Diät- und Lebensreformbewegungen des fin-de-siècle mit Vorstellungen des individuellen wie gesellschaftlichen Fortschritts; sie lassen sich somit bei aller Modernekritik als genuin moderne Bewegungen verstehen.7
Das neue Ernährungswissen, erste Fitness- und Diätwellen um 1900 und die Betonung individueller Verantwortung für die eigene Gesundheit trugen dazu bei, das moderne, westliche Ideal des selbstregierten Subjekts mit spezifischen Körper- und Ernährungsroutinen zu verknüpfen.8 Mithin stellen die Dekaden um das fin-de-siécle einen besonders fruchtbaren Zeitraum für einen historisch-anthropologischen Blick auf Essens- und Körperpraktiken dar, entwickelten sich hier doch Problematisierungen und Praxisformen, die uns letztlich bis heute begleiten.9 Zu zahlreichen neuen Regeln und Empfehlungen ‚richtigen Essens gesellten sich Hygienepraktiken wie das Frottieren der Haut10 oder auch Formen der körperlichen Ertüchtigung, die von Nacktgymnastik bis hin zum Hanteltraining reichen konnten....

Friedrich+ Geschichte

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Fakten zum Artikel
aus: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht Nr. 11 / 12

Historische Anthropologie

Friedrich+ Kennzeichnung Methode & Didaktik Schuljahr 1-13