Bernd Kleinhans

Historienfilme – mehr als Kostüm und Kulisse

Bernd Kleinhans

Didaktische Potenziale und Qualitätskriterien

Historienfilme können im Geschichtsunterricht einen Beitrag zur Förderung des reflektierten Geschichtsbewusstseins leisten. Sie entwerfen ein auditiv-visuelles Gesamtbild der Geschichte, das vielfältige Möglichkeiten des Erlebens von historischen Wirklichkeiten bietet. Durch die emotionale Einbeziehung werden die Rezipienten zu eigenständiger Urteilsbildung aufgefordert. Fachspezifische Kompetenzen wie Narrationskompetenz und Destruktionskompetenz können mit Historienfilmen eingeübt werden. Daraus lassen sich didaktische Qualitätskriterien für die unterrichtliche Auswahl von Historienfilmen ableiten.

Historienfilme polarisieren: Während die oftmals opulenten filmischen Inszenierungen historischer Lebenswelten im Kino Besucher- und im Fernsehen Quotenerfolge erzielen und selbst bei Geschichtsstudierenden und Lehrern Geschichtsbilder mitprägen1, klagen Fachhistoriker über ungenaue oder gar falsche Darstellungen in diesen Filmen, die oft nicht einmal ein simples „Fact checking bestehen.2 Und während in der Praxis des schulischen Geschichtsunterrichtes Historienfilme wie „Das Leben der Anderen (D 2006), „Sophie Scholl die letzten Tage (D 2005), „Der Untergang (D 2005) oder „Ballon (D 2018) als illustrative Darstellungen der Zeitgeschichte genutzt werden und mitunter, gestützt durch Verlagsmaterial und Schulbuchtexte, sogar zeitgenössische Quellen ersetzen, warnen Fachdidaktiker, dass Historienfilme nicht nur vielfach falsche Geschichtsbilder produzieren, sondern eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte aufgrund ihrer visuellen Eindrücklichkeit erschweren könnten. Die in diesen Werken vorhandene „Sinnbildung, so Jörn Rüsen, sei „von einer echten historischen Erinnerung [] weit entfernt3. Geschichtserzählungen in Romanen und Filmen, so Hans-Jürgen Pandel, seien eine „Pseudogattung der Geschichtsdarstellung, sie bildeten im Gegensatz zur kritischen Geschichtswissenschaft bloß „imaginierte Welten4. Lediglich als Quelle für die Geschichtskultur einer bestimmten Zeit oder für die propagandistischen Intentionen staatlicher Auftraggeber werden Historienfilme von Geschichtsdidaktikern vorbehaltlos akzeptiert.
Hinter diesen oftmals pauschalen Vorbehalten gegen Historienfilme stehen freilich zentrale Fragen nach der richtigen Form der Geschichtsvermittlung im Unterricht: Ist es legitim, dass Geschichtsdarstellungen sich der Fiktionalität bedienen, dass sie, wie das Historienfilme zweifelsfrei tun, durch Veränderungen, Auslassungen und spekulative Ergänzungen, die als solche nicht eigens ausgewiesen und reflektiert werden, historische Wirklichkeiten konstruieren? Bedienen Historienfilme nicht bloß simple Unterhaltungsbedürfnisse eines Massenpublikums und dispensieren sich damit nicht, wie Hans-Jürgen Pandel unterstellt, „vom Zwang historischer Genauigkeit?5 Kann der Einsatz von Historienfilmen im Geschichtsunterricht mehr sein als das Zugeständnis an eine von visuellen Produktionen geprägten Schülergeneration und mehr als ein Instrument, die durch Text- und Quellenarbeit mitunter ermüdeten Schülerinnen und Schüler durch emotionalisierendes Bildmaterial für das Fach zu motivieren?
Ohne die grundsätzliche Berechtigung dieser kritischen Fragen, die an jeden einzelnen Historienfilm immer wieder neu zu stellen sind, zu bestreiten, soll in diesem Beitrag die These vertreten werden, dass die „cinematic history6 der Historienfilme jenseits ihrer unbestrittenen Bedeutung als geschichtskulturelle Quelle nicht nur eine legitime Darstellung von Geschichte ist, sondern sich gegenüber den üblicherweise den Unterricht dominierenden sprachlichen Formen der Geschichtspräsentation durch spezifische didaktische Potenziale auszeichnet. In einem ersten Schritt soll dazu der Begriff des Historienfilms genauer bestimmt werden, um ihn gegen beliebige Formen von Vergangenheitsfiktionen abzugrenzen. Daran anschließend wird es um die Auslotung...

Friedrich+ Geschichte

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aus: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht Nr. 7 / 8

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Friedrich+ Kennzeichnung Methode & Didaktik Schuljahr 1-13