Bettina Tüffers

Fernsehaufnahmen als historische Quelle

Bettina Tüffers

Die Live-Übertragungen der Sitzungen der 10. Volkskammer der DDR

Das Fernsehen war das Massenmedium des 20. Jahrhunderts. Dennoch wurde Fernsehaufnahmen aus dem Plenarsaal von der Parlamentsgeschichtsschreibung bislang viel zu wenig Beachtung geschenkt. Nach wie vor sind für sie die Stenographischen Berichte bzw. Plenarprotokolle die zentrale Quelle. Der Beitrag zeigt anhand zweier Beispiele aus der 10. Volkskammer der DDR im Jahr 1990, welchen Erkenntniswert solche Fernsehübertragungen bieten, insbesondere wenn es um das Verständnis der politischen Kultur eines Parlaments geht.

Es ist schon ein wenig her, dass Christina von Hodenberg, Thomas Lindenberger oder Jürgen Müller ihren Kollegen und Kolleginnen eine gewisse Ignoranz im Umgang mit audiovisuellen Quellen bescheinigt haben.1 Die zeitgeschichtliche Forschung beschäftige sich, aus unterschiedlichen Gründen, zu wenig mit Ton- und Fernsehquellen, obwohl es sich bei Radio und Fernsehen um die Massenmedien des 20. Jahrhunderts handele.2
Nun gibt es mit den Sound Studies zwar seit geraumer Zeit auch eine Forschungsrichtung, die mit Tonquellen unterschiedlichster Art arbeitet. Allerdings liegen deren Interesse und Fragestellungen vor allem beim „Hören in der Vergangenheit, den Geräuschkulissen und Klangbildern verflossener Zeiten3, den Lautsphären oder Soundscapes. Vor allem aber, wie Jürgen Müller anmerkt, „beruhen die meisten Arbeiten zur Geschichte des Hörens nicht auf selbst Gehörtem. Vielmehr rekonstruieren sie die Geräusche der Vergangenheit und ihre historische Bedeutung aus schriftlichen Quellen4.
Darum soll es im Folgenden nicht gehen. Genauso wenig wie um Medien-, Programm- oder Institutionengeschichte von Radio und Fernsehen, auch nicht um deren politische Rahmenbedingungen und technischen Aspekte. Gegenstand des Beitrags ist vielmehr ein sehr spezieller Fall einer Fernsehübertragung als historischer Quelle, nämlich die Live-Berichterstattung aus dem Parlament, und noch genauer: die Fernsehberichterstattung aus der 10. Volkskammer der DDR.5
Die Berichterstattung über das und aus dem Parlament ist seit jeher essentieller Bestandteil des modernen parlamentarischen Systems. Die repräsentative Demokratie ist auf die Existenz der Öffentlichkeit, vor allem der medialen Öffentlichkeit, zwingend angewiesen.6 Das war anfangs Aufgabe der Printmedien, im 20. Jahrhundert kamen dann das Radio7 und später das Fernsehen, inzwischen auch das Internet hinzu. Und es gibt eine weitere Form des Parlamentsberichts. Sie beansprucht, das Geschehen als einzige vollständig, authentisch und objektiv wiederzugeben: die Stenographischen Berichte, also die Protokolle der Plenarsitzungen.
Ich möchte auf den folgenden Seiten, beginnend mit einigen Bemerkungen zu den beiden Quellen Plenarprotokoll und Fernsehübertragung aus dem Parlament, methodische Überlegungen zum Umgang speziell mit dem Fernsehmaterial anstellen, um schließlich anhand zweier Beispiele aus den Plenarsitzungen der 10. Volkskammer der DDR zu demonstrieren, welche Erkenntnisse man aus der Beschäftigung mit Fernsehquellen gewinnen kann und wo sie über das hinausgehen, was wir aus den Schriftquellen erfahren.
1. Die Quellen
Die Stenographischen Berichte waren das klassische und neben der Berichterstattung in den Zeitungen über lange Zeit hinweg einzige Mittel für eine größere Öffentlichkeit, den Verlauf parlamentarischer Verhandlungen nachzuvollziehen, auf das auch Journalisten für ihre Artikel gerne zurückgriffen.8 Die Protokolle sorgten von Beginn an für „größtmögliche Publizität9 der Sitzungen, schon das Paulskirchenparlament von 1848 verfügte über einen stenographischen Dienst. Und die Stenographie, wie wir sie heute kennen, ist das Ergebnis einer Entwicklung, die eng mit der des Parlamentarismus verknüpft ist. Franz Xaver Gabelsberger hatte seine Kurzschrift zwar nicht eigens erfunden, um Verhandlungen des Parlaments aufzeichnen zu können, aber er optimierte sie für diesen...

Friedrich+ Geschichte

Sie sind bereits Abonnent?

Jetzt anmelden und sofort lesen

Jetzt ganz einfach mit F+ weiterlesen

  • 30 Tage kostenloser Vollzugriff
  • 5 Downloads gratis enthalten

30 Tage kostenlos testen

Mehr Informationen zu Friedrich+ Geschichte

Fakten zum Artikel
aus: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht Nr. 5 / 6

Parlamentarismusforschung

Friedrich+ Kennzeichnung Methode & Didaktik Schuljahr 1-13