Helen Bendix

Die Karte britisch rot zeichnen?

 Ein Foto des britischen Politikers und Kolonialisten Cecil Rhodes auf der Veranda seines Anwesens in der Nähe von Kapstadt, um 1900
Ein Foto des britischen Politikers und Kolonialisten Cecil Rhodes auf der Veranda seines Anwesens in der Nähe von Kapstadt, um 1900, © North Wind Picture Archives / Alamy Stock Foto

Helen Bendix

Afrikanische und britische Perspektiven auf den Imperialismus untersuchen

Im ausgehenden 18. Jahrhundert befand sich ganz Westeuropa im Wettstreit darum, das größte Imperium aufzubauen. In Deutschland prägte dafür Bernhard von Bülow, Staatssekretär des Auswärtigen Amtes (de facto Außenminister), 1897 das geflügelte Wort vom „Platz an der Sonne. In Großbritannien träumte ein Mann besonders groß: Von der Südspitze des afrikanischen Kontinents bis nach Cairo in Ägypten wollte Cecil Rhodes eine durchgehende Leitung für Telegraphen einbauen. Die indigene Bevölkerung und ihre Bedürfnisse waren dabei bestenfalls irrelevant, schlimmstenfalls im Weg. So auch der südafrikanische König Lobengula , dessen Herrschaftsgebiet Matabeleland und Mashonaland für Rhodes Pläne unbedingt notwendig war. Nicht nur konnte er hier seine Telegrafenleitung legen, die Rohstoffe des Gebietes versprachen auch enormen Reichtum. Rhodes schickte also seinen Mitarbeiter Charles Rudd mit einem Vertrag zum König, der die Übergabe sämtlicher Rohstoffe des Landes vorsah. Lobengula, der nicht lesen konnte, unterschrieb mit einem X.
Kurze Zeit später erkannte er die Folgen des Vertrages und wandte sich mit einem Brief an Queen Victoria, um den Fehler zu beheben. In England war die Konzession des Landes bereits umstritten. Humanitäre Gruppen protestierten gegen die britische Übernahme des Landes und der Brief Lobengulas sorgte kurzzeitig für Aufsehen, doch die Sorgen vieler Politiker, dass die portugiesische und deutsche Expansion in Südafrika dem britischen Imperium Konkurrenz machen könnten, gewann letztendlich die Oberhand. Die British South Africa Company von Rhodes begann, die Rohstoffe des Landes zu exportieren. In den 1890ern kam es dann zum Krieg zwischen den Briten und den Matabele. Im Laufe der vorliegenden Doppelstunde erläutern Lernende der Sekundarstufe I im Rahmen des Themas Imperialismus sowohl die Beweggründe der Briten für diese Tat als auch die Reaktion des südafrikanischen Königs. Abschließend können sie mithilfe eines Gegenwartsbezuges einordnen, welche Konsequenzen durch den Imperialismus für die heutige Beziehung von Südafrikanern zu Briten bestehen.
Multiperspektivität im bilingualen Unterricht
Der Brief König Lobengulas an Queen Victoria bietet eine seltene Quelle aus der afrikanischen Perspektive. Zu oft heißt es, Quellen aus „historisch stummen Gruppen würden fehlen und müssten durch produktionsorientierte Verfahren aus der Hand der Schülerinnen und Schüler ergänzt werden (Brieske 2014, S.31). Der vorliegende Unterrichtsvorschlag zielt so auf eine „kritische Sinnbildung (Meyer-Hamme 2012, S.91) und eröffnet damit die Möglichkeit, im Zuge einer postkolonialen Geschichtsschreibung, neue Geschichtskulturkonventionen zu schaffen. Denn im ausgewählten Material ist es der afrikanische König, der sich in einem Brief an die englische Königin äußert, und die Lernenden können sich eine britische Antwort überlegen. Die Arbeitssprache Englisch ist somit Sprache beider in der Doppelstunde relevanter Perspektiven: der britischen, mit der die Stunde beginnt, und der afrikanischen, die Gegenstand der Quellenarbeit ist.
Besonders für den bilingualen Unterricht bietet sich diese Quelle an: Sie ist von einem Autor verfasst, dessen Erstsprache nicht Englisch ist. So ist der Text sprachlich deutlich weniger komplex als andere Quellen der gleichen Zeit. Dennoch bleibt die Arbeit mit Textquellen eine Herausforderung für den bilingualen Unterricht. Hier wird mit Entlastungsmaßnahmen für den Umgang mit dem Text gearbeitet: Ein Anmerkungsapparat bietet mit deutschen Begriffsklärungen Hilfestellung beim Lesen des Textes. Das ermöglicht auch, Fachbegriffe wie „Sozialdarwinismus in beiden Sprachen einzuführen und so die doppelte Sachfachliteralität zu sichern (Diehr 2016, S. 58). Die nachfolgende Arbeit mit der Quelle wird mittels optionaler zusätzlicher Hilfestellungen entlastet (Leisen 2018, S.27).
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Fakten zum Artikel
aus: Geschichte lernen Nr. 197 / 2020

Bilingualer Geschichts­unter­richt

Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 8-10