Inoffizielle Nationalhymne des Deutschen Reichs 1871

„Heil dir im Siegerkranz“

Nach der Gründung des Deutschen Reichs 1871 wurde das Lied „Heil dir im Siegerkranz“ zur inoffiziellen Nationalhymne – dem Kaiser gewidmet, mit identitätsstiftender Funktion. Doch nicht überall fand das Lied positiven Anklang.

Die preußische Volkshymne von 1775-1871 "Heil dir im Siegerkranz". Farblithographie von 1899. Sammelbildchen Liebig Company’s Fleisch-Extract. Aus der Serie: Nationalhymnen verschiedener Völker. Druck: Gebr. Klingenberg, Detmold. Berlin, Sammlung Archiv für Kunst und Geschichte.
Die preußische Volkshymne von 1775-1871 "Heil dir im Siegerkranz" avancierte nach der Reichsgründung zur Kaiser- und quasi inoffiziellen Nationalhymne. Foto: © akg-images

Das Lied "Heil dir im Siegerkranz" geht auf ein Lied zu Ehren des dänischen Königs Christian VII. zurück. Es war ursprünglich eine preußische Volkshymne, ein patriotisches Lied, das zu Ehren Preußens gesungen wurde und die Bande des Volkes zum preußischen Kaiser kräftigen sollte. 

Ein Lied zur Gründung des Deutschen Reichs 1871

Nach der Reichsgründung 1871 wurde das Lied zur inoffiziellen Nationalhymne. Es wurde insbesondere im Rahmen von festlichen Anlässen gesungen. Der Text wurde auf die Melodie der englischen Hymne "God saves the Queen/ King" verfasst. 

Einigen Bundesstaaten des Kaiserreichs wurden im Zuge der Reichsgründung so genannte "Reservatrechte", also Sonderrechte, zugesichert, so den Königreichen Bayern, Sachsen und Württemberg. Die Reservatrechte spielten in den betroffenen Bundesstatten eine große Rolle als Zeichen staatlicher Eigenständigkeit. Nach der Garantie von Sonderrechten fiel es diesen Staaten psychologisch leichter, dem von Preußen dominierten Reich beizutreten.

Zwar lässt sich von einer preußischen Reichsgründung sprechen, auch von einem preußisch geprägten Reich, dieses Reich hatte jedoch einen föderativen, beinahe staatenbündlerischen Charakter. Keinesfalls aber war die Politik des Kaiserreichs a priori nationalistisch geprägt. Etwaiges Nationalpathos wurde durch die ökonomischen Probleme und innenpolitischen Zerwürfnisse der Bismarck-Jahre schnell ausgenüchtert, der Nationalstaatsgedanke wurde im Spannungsfeld der nicht vollumfänglich befriedigten Aspirationen der Nationalbewegung und der distanzierten, mitunter preußenkritischen Haltung der zentralismuskritischen Partikularstaaten zerrieben. Erst die Andeutung einer kolonialistischen, imperialistischen Politik unter Kaiser Wilhelm II. – die Bereitschaft, Weltpolitik zu betreiben – bewirkte eine atmosphärische Veränderung. 1892 bestimmte Wilhelm II. die Nationalflagge, 1897 erhielten die Angehörigen der Armee ein gemeinsames Zugehörigkeitszeichen – und insbesondere die Flottenpolitik stärkte das aufkommende Nationalgefühl noch.

Weitere Unterrichtseinheiten zum Kaiserreich

Das Heft Geschichte lernen 195: Leben im Kaiserreich bietet Hilfestellungen, sich der Vielfalt und Dynamik des Kaiserreichs im Unterricht zu widmen. Mehr dazu erfahren Sie außerdem in diesen Beiträgen:

Die Wahrnehmung und Wirkung des Kolonialismus in der Gesellschaft des deutschen Kaiserreichs behandelt Christina Templin in Ihrem Beitrag Der Skandal um Carl Peters, zu finden in der Ausgabe Geschichte lernen 195: Leben im Kaiserreich

Eine binnendifferenzierte Quellenanalyse zum Versailler Vertrag bietet der Beitrag von Jan Scheller in der Ausgabe Geschichte lernen 190: Inklusiver Geschichtsunterricht 

Züchtigen oder nicht? Dieser Längsschnittbeitrag von Josef Memminger beschäftigt sich mit der Prügelstrafe um 1900 in Ausgabe Geschichte lernen 187: Längsschnitte

Was sagt das Lied über das Kaiserreich aus? 

"Heil dir im Siegerkranz" wurde zwar die inoffizielle Nationalhymne des neu gegründeten Staates, doch nicht überall fand das Lied positiven Anklang. Die Identitätsprobleme des Kaiserreichs spiegeln sich darin, dass viele Teilstaaten des Reiches dem Lied kritisch gegenüberstanden. In vielen Staaten entstanden bald Umdichtungen des Lieds. Die Melodie wurde beibehalten, der Text allerdings verändert.

Die verschiendenen Liedvariationen verdeutlichen im Kern die Identitätskonflikte und -konkurrenzen im Kaiserreich. Michael Kolbenschlag zeigt mit seinem Unterrichtsvorschlag, wie die Lieder als Bestandteil eines multiperspektivischen  Quellenarrangements im Unterricht zum Einsatz kommen können. Mittels Analyse der Liedvariationen können sich die Lernenden in einem induktiven, quellenbasierten Zugriff die Zusammenhänge der Identitätsprobleme im Kaiserreich selbst erarbeiten.

Auf der Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung kann die Version  des Lieds „Heil Dir im Siegerkranz“ – Ein Lied für den Herrscher und obersten Feldherrn, für deutsche Kriegshelden und gewonnene Schlachten von 1915 (Quelle: Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv) gehört werden:

Liedgut im Kaiserreich

God saves the Queen /Heil dir im Siegerkranz

Falls Lernende die Frage stellen, weshalb die inoffizielle Nationalhymne des Kaiserreichs in der Melodie der englischen Nationalhymne gesungen wird, kann auf die Entstehungsgeschichte des Liedes verwiesen werden: Die Urfassung des Liedes stammt vom Schriftsteller Heinrich Harries; 1790 verfasste dieser ein „Lied für den dänischen Untertan, an seines Königs Geburtstag zu singen in der Melodie des englischen Volksliedes God save George the King.“ 1793 wurde das Lied auf den preußischen König Friedrich Wilhelm II. umgedichtet, wobei die feierliche, den patriotischen Gedanken musikalisch untermalende Melodie beibehalten wurde. Die Melodie war im 19. Jahrhundert weit verbreitet und wurde aufgrund der verschiedenen Liedversionen nicht allein mit der englischen Nation verknüpft. Die Melodie-Anleihe führte schließlich doch aber dazu, dass die Könige bald neue Hymnen favorisierten.

Fakten zum Artikel
Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 11-13

Weitere Unterrichtseinheiten zum Kaiserreich

Das Heft Leben im Kaiserreich bietet Hilfestellungen, sich der Vielfalt und Dynamik des Kaiserreichs zu widmen. Mehr dazu erfahren Sie außerdem in diesen Beiträgen:

Die Wahrnehmung und Wirkung des Kolonialismus in der Gesellschaft des deutschen Kaiserreichs

Eine binnendifferenzierte Quellenanalyse zum Versailler Vertrag

Züchtigen oder nicht?

Zeitschrift
Geschichte lernen Nr. 195/2020 Leben im Kaiserreich

Das vorliegende Heft soll Hilfestellungen dafür bieten, sich der Vielfalt und Dynamik der Epoche im Unterricht zu widmen und an Fallbeispielen das Leben im Kaiserreich zu rekonstruieren.

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