Christina Templin

Der Skandal um Carl Peters

Abb.1: Carl Peters auf einer Fotografie mit Gewehr, Pistole und in für Kolonialisten typischer Kleidung, ca. 1893/1900.
Abb.1: Carl Peters auf einer Fotografie mit Gewehr, Pistole und in für Kolonialisten typischer Kleidung, ca. 1893/1900., Abb.–1: Bundesarchiv, Bild 183-R30019 / Unbekannt / CC-BY-SA 3.0

Christina Templin

Wahrnehmung und Wirkung des Kolonialismus in der Gesellschaft des deutschen Kaiserreichs

Die koloniale Vergangenheit Deutschlands scheint im öffentlichen Bewusstsein des 21. Jahrhunderts angekommen zu sein. Das zeigen jüngst Debatten über die Rückgabe kolonialer Kulturgüter sowie Forderungen nach Umbenennungen von Straßen oder gar Stadtvierteln.
Didaktische Überlegungen
In solchen längst überfälligen Diskussionen um das deutsche koloniale Erbe wird der Geschichtsunterricht immer wieder an den Pranger gestellt, komme doch die Behandlung der kolonialen Vergangenheit in den Schulen zu kurz (vgl. Habermas 2019), überrasche daher die Naivität vieler Deutscher mit Blick auf die koloniale Vergangenheit nicht. Um dieser Kritik beizukommen und angesichts einer zum Teil einseitigen Behandlung des Themas in häufig veralteten Schulbüchern schlägt der vorliegende Beitrag einen mikrogeschichtlichen Blick auf den kolonialen Akteur Carl Peters und den um ihn entfachten Skandal vor.
Peters war nicht nur einer der bekanntesten Repräsentanten des Deutschen Kaiserreiches in Übersee, sondern auch einer der skandalträchtigsten (vgl. Bösch 2009). Sein brutales Handeln in der Kolonie Deutsch-Ostafrika erregte zwar erst Jahre später in der deutschen Gesellschaft Aufmerksamkeit, dafür aber eine umso größere. Sein Vorgehen weitete sich zu einem Kolonialskandal der ersten Stunde aus, der das Bild des deutschen kolonialen Handelns und seiner Akteure nachhaltig prägte und die Kolonialkritik erweiterte und verfestigte.
Skandale sind als „Wertekonflikte oder Normdebatten „Kulminationspunkte [], in denen sich vielfältige Diskurse und Handlungen verdicht[en] (Bösch 2009, S.4 – 5). Eine Auseinandersetzung mit dem durch Peters Handeln ausgelösten Skandal bietet Schülerinnen und Schülern die Chance, Positionen zur deutschen Kolonialpolitik zu untersuchen und die Multiperspektivität des historischen Geschehens wie auch seine medialen Dynamiken im Rahmen eines Skandals zu reflektieren. Damit erhalten sie zugleich einen Einblick in die normativen Grundlagen der deutschen Gesellschaft. Hierbei stehen aus Gründen der didaktischen Reduktion die Deutungsmuster im Vordergrund, die hinsichtlich der Person Peters als Kolonisator und der Afrikaner als Kolonisierte aufgebracht wurden.
Zeichneten auch die anfänglichen Debatten ein ambivalentes Bild von Peters, so verdichteten sich schnell die negativen Zuschreibungen. Peters avancierte zu einem Exempel moralischer Verworfenheit und damit gescheiterter oder zumindest fehlgeleiteter Kolonialpolitik. Mit Blick auf die Afrikaner hingegen verfestigte der Skandal das Bild einer defizitären, den Europäern unterlegenen Ethnie. Neben der Sachkompetenz kann anhand des Falls Peters somit die Urteilskompetenz geschult werden, auch durch einen Bezug zu aktuellen kolonialen Debatten.
Sachanalyse
Carl Peters gilt als einer der prominentesten Kolonialisten des Kaiserreichs. Der Pastorensohn aus Neuhaus an der Elbe hatte 1884 die „Gesellschaft für deutsche Kolonisation gegründet, unternahm für diese Reisen ins östliche Afrika und beanspruchte hier mehrere Landstriche als deutschen Besitz. Dieser wurde unter den „Schutz des Deutschen Reichs gestellt und anschließend zur Kolonie Deutsch-Ostafrika ausgebaut. Peters erwarb sich auf diese Weise den Ruf, Gründer Deutsch-Ostafrikas zu sein, was seiner Popularität unter Anhängern der deutschen Kolonialbewegung starken Auftrieb verlieh. Nach einer Afrika-Expedition in den Jahren 1889/90 („Emin-Pascha-Expedition), in deren Zuge sich Peters bereits durch sein brutales und unerbittliches Auftreten einen Namen gemacht hatte, wurde er 1891 Reichskommissar für das Gebiet am Kilimandscharo (vgl. Speitkamp 2004, o.S.).
Der Skandal
Hier spielten sich die Vorgänge ab, die den späteren, in drei Phasen verlaufenden Skandal auslösten. So soll Peters afrikanischer Diener Mabruk in sein Haus eingebrochen sein, dort Zigaretten entwendet und Sex...
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Fakten zum Artikel
aus: Geschichte lernen Nr. 195 / 2020

Leben im Kaiserreich

Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (< 2 Std.) Schuljahr 9-13