Marcel Mierwald

„Das waren absolut vollwertige Bergleute“

Abb.: Betriebliche Situation unter Tage, Zeche Rossenray, um 1985.
Abb.: Betriebliche Situation unter Tage, Zeche Rossenray, um 1985. , Abb.: © Fördergemeinschaft für Bergmannstradition – Linker Niederrhein, K 10-48-18

Marcel Mierwald/Theresa Hiller

Mit Oral-History-Interviews über Migration und Integration türkischer „Gastarbeiter lernen

Die Metapher vom „Schmelztiegel wird gerne verwendet, um die Zuwanderung ins Ruhrgebiet und insbesondere in den dortigen Bergbau zu beschreiben (z.B. Demiriz/Goch 2020). Sie vermittelt den Eindruck, dass die Integration von Zuwanderern in die Industrie des Bergbaus und dessen regionale Gesellschaft ab Mitte der 1950er-Jahre schneller und erfolgreicher gelang, als dies in anderen Branchen und Regionen der Fall war. Diese Metapher ist jedoch in der Forschung nicht unumstritten (Tenfelde 2006). In diesem Unterrichtsvorschlag wird das Thema „Migration exemplarisch an der Situation türkischer „Gastarbeiter im Ruhrbergbau betrachtet. Dabei wird genauer der Frage nachgegangen, inwiefern die Integration der türkischen Arbeiter nach 1961 dort gelang. Eine Antwort darauf können die Erinnerungen ehemaliger Beschäftigter aus dem Bergbau geben.
Unter Tage waren alle gleich!?
Der wirtschaftliche Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg führte zu einem hohen Bedarf an Arbeitskräften in den westdeutschen Industriegebieten und Großstädten. Darunter befand sich auch der Ruhrbergbau, in dem ab Mitte der 1950er-Jahre zahlreiche sog.„Gastarbeiter beschäftigt waren. Der Anteil an türkischen Arbeitern in der Belegschaft des Bergbaus nahm nach dem Anwerbeabkommen der Bundesregierung mit der Türkei 1961 schnell zu, sodass sie seit den 1970er-Jahren den größten Anteil an ausländischen Arbeitskräften dort ausmachten.
Gemäß der „Schmelztiegel-Metapher wird dem Arbeitsplatz Bergbau und der Arbeiterbevölkerung im Ruhrgebiet ein besonders integrationsförderliches Potenzial zugesprochen. Dies mag auf der einen Seite zutreffen. So setzte man im Bergbau bspw. auf eine berufliche Qualifizierung und die Vermittlung notwendiger Sprachkenntnisse, um die türkischen „Gastarbeiter zügig unter Tage einsetzen zu können (Skrabania 2015). Dort leisteten sie umfassende bergmännische Arbeit und waren für die Produktion in den Betrieben wichtig. Größere Konflikte zwischen türkischen und deutschenKollegen sollen aufgrund der engen Zusammenarbeit, Angewiesenheit und Kameradschaft nicht entstanden sein (Berg 1986). Der Bergbau bot zudem im Vergleich zu anderen Branchen gute Aufstiegschancen. Ab den 1970er-Jahren bemühte sich die Industriegewerkschaft für Bergbau und Energie (IGBE) um die Eingliederung der türkischen Bergleute (Seidel 2014). Ende der 1970er-Jahre zogen viele von ihnen mit den nachkommenden Familien in Werkswohnungen, wo sie stärkere Kontakte zu deutschen Kollegen pflegen konnten (Tenfelde 2006).
Auf der anderen Seite sahen sich die zugewanderten Arbeiter im Bergbau diversen Schwierigkeiten gegenüber.Hierzu zählt u.a., dass den türkischen Bergleuten anfänglich die Verhaltensweisen und Normen des Einwanderungslandes Probleme bereiteten. Das Fehlen sprachlicher Fähigkeiten führte dazu, dass sie ihre Rechte lange nicht wahrnehmen konnten und der „Sprach-Macht deutscher Kollegen und Vorgesetzter ausgesetzt waren (Demiriz 2018). Auch gelangten sie, wahrscheinlich aufgrund sprachlicher Schwierigkeiten, selten in Aufsichts- und Leitungsfunktionen (Tenfelde 2006). Nicht zu vergessen ist, dass sich etwa die konjunkturelle Lage der 1960/70er-Jahre, das Thema der Rückkehrhilfe und die stärker werdende Bedeutung des Islams in den 1980er-Jahren auch auf die Arbeit und das Miteinander im Bergbau auswirkten (Hunn 2005).
Die letzten Steinkohlenzechen schlossen Ende 2018. Dennoch prägte der Bergbau das Ankommen und Leben dort beschäftigter türkischer Zuwanderer und ist bis heute Bestandteil ihrer Identität und Erinnerungen.
Didaktische Überlegungen
Um mit den Lernenden die Frage der „gelungenen Integration türkischer Arbeiter im Ruhrbergbau zu untersuchen, kann auf Oral-History-Interviews zurückgegriffen werden. Diese liegen im großen Umfang in Transkript- und Videoform aus dem Projekt „Menschen im Bergbau...
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Fakten zum Artikel
aus: Geschichte lernen Nr. 198 / 2020

Migration

Kennzeichnung Geschichte lernen Schuljahr 9-13