Tomas Unglaube

Das Neue Rathaus Hannover

Abb.: Die Südfront des Neuen Rathauses Hannover am Maschpark (aktuelle Aufnahme).
Abb.: Die Südfront des Neuen Rathauses Hannover am Maschpark (aktuelle Aufnahme)., Abb.:© Sergii Figurnyi/stock.adobe.com

Tomas Unglaube

Ein bürgerlicher Monumentalbau

Die fortschreitende Industrialisierung führte dazu, dass nicht nur die Zahl der Großstädte in Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts deutlich wuchs, sondern auch die Bevölkerung dieser Großstädte anstieg.
Sachanalyse
Die Ausdehnung der Städte, die Bevölkerungszunahme sowie das Anwachsen eines städtischen Proletariats hatten zur Folge, dass die Aufgaben der Stadtverwaltungen zunahmen; vorhandene Ämter wurden personell aufgestockt, neue Ämter, insbesondere in den Bereichen Infrastruktur und Daseinsvor-sorge, geschaffen. Vielerorts entstand der Plan, das alte, nunmehr zu enge Rathaus durch einen Neubau zu ersetzen, der alle Abteilungen der Stadtverwaltung zusammenfassen sollte. Beflügelt wurden diese Überlegungen durch den Wunsch des städtischen Bürgertums, dem mit der ökonomischen Bedeutung gewachsenen Selbstbewusstsein auch architektonisch Ausdruck zu verleihen. Zwischen 1850 und 1914 wurden in deutschen Städten ca. 200 neue Rathäuser errichtet. Ihren Höhepunkt erreichte diese Entwicklung in den Jahren 1880 bis 1914 mit 10 größeren Rathausprojekten, darunter Berlin-Charlottenburg, Dresden, Hamburg, Kiel und Leipzig.
Ursprünglich grenzten sich die Rathausbauten architektonisch gegen den Adel ab und betonten die Tradition städtischer Freiheit. In Anlehnung an mittelalterliche und frühneuzeitliche Rathäuser etwa in Italien und Flandern entstand ein Bautyp, der vor allem durch steile Dächer, einen Rathausturm mit Uhr, eine Verkündungskanzel sowie stilistische Anleihen an Gotik oder Renaissance erkennbar war. Später verlor die Abgrenzung von der Architektur des Adels an Bedeutung; als Verkörperung eines bürgerlichen Machtanspruchs entstanden, wie in Hannover, palastartige Monumentalbauten, auch wenn rathaustypische Elemente erhalten blieben.
Der Rathausbau in Hannover
Aus der höfisch geprägten Residenzstadt Hannover wurde nach der Annexion des Königreichs Hannover durch Preußen im Jahr 1866 in wenigen Jahrzehnten eine Industriegroßstadt, deren Bevölkerung zwischen 1875 und 1914 um mehr als das Dreifache wuchs. Motor des Rathausneubaus in Hannover war der nationalliberale Kommunalpolitiker Heinrich Tramm (Stadtdirektor von 1891 1918). Bereits vor dem ersten Wettbewerb 1895 wurde entschieden, das neue Rathaus südlich der Altstadt zu errichten. Damit wurde nicht nur der tradierte Zusammenhang von Kirche, Markt und Rathaus aufgegeben, es wurde auch ein Areal gewählt, das vergleichsweise kostengünstig ermöglichte, den Rathausbau als Solitär zu gestalten.
1895 wurde ein erster Wettbewerb ausgeschrieben. Keiner der mehr als 50 eingereichten Entwürfe, die meist einen achsensymmetrischen Baukörper mit einem klassischen Rathausturm in der Mitte der Nordfassade vorsahen, überzeugte die Baukommission. Die zweite Ausschreibung enthielt daher nicht nur detaillierte Vorgaben für Verwaltungs- und Sitzungsräume sowie repräsentative Festsäle, sondern bestimmte auch, das neue Rathaus sei mit einer Kuppel zu „bekrönen. Diesen Wettbewerb gewann der Berliner Architekt Eggert, dessen Pläne für das Gebäude insgesamt und die Gestaltung der Außenfassade ab 1901 realisiert wurden. 1909 kam es zu einem Zerwürfnis zwischen Eggert, einem Vertreter des Historismus, und der Stadt. Die innere Gestaltung einschließlich der Anlage der Haupttreppe in der Zentralhalle erfolgte nun nach den Plänen des Hannoveraner Kunsthistorikers Halmhuber, einem Anhänger des Jugendstils. Das umfangreiche Skulpturenprogramm, das in der paritätisch von Mitgliedern des Magistrats und des Bürgervorsteherkollegiums besetzten Baukommission bis ins Detail diskutiert und entschieden wurde, betont die Geschichte Hannovers und die Zugehörigkeit der Stadt zu Preußen und dem Deutschen Reich.
Didaktische Überlegungen
Gebäude, zumal Rathäuser, verweisen nicht nur auf ihre Entstehungszeit, indem sie diese in ihrer Architektur aufgreifen, fortschreiben und modifizieren. Sie sind auch ein...
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Fakten zum Artikel
aus: Geschichte lernen Nr. 195 / 2020

Leben im Kaiserreich

Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (< 2 Std.) Schuljahr 8-10