Michael Sauer

Das Bild des kleinen Jungen aus dem Stroop-Bericht

Michael Sauer

Eine Foto-Ikone im Geschichtsschulbuch

Das Foto des kleinen Jungen aus dem Warschauer Ghetto Teil des sog. Stroop-Berichts ist eine Schulbuch-Ikone. Der Beitrag untersucht, wann das Bild zum ersten Mal auftaucht, in welcher Form es präsentiert wird, wie es durch Bildlegenden und im weiteren Rahmen durch Verfassertexte kontextualisiert wird und welche Nutzungsweisen ggf. vorgeschlagen werden. Im Ergebnis zeigt sich, dass das Foto seit dem Ende der 1950er Jahre bis etwa zur Jahrtausendwende als „Opferbild eingesetzt wird, das über das Identifikationsangebot des kleinen Jungen Empathie hervorrufen soll. Seit auch Bildern im Schulbuch stärker Quellenfunktion zugeschrieben wird, ist das Bild weitgehend verschwunden oder wird in Einzelfällen für komplexere Erarbeitungsweisen und Erkenntnisziele eingesetzt, die verstärkt den zeitgenössischen Entstehungs- und Verwendungskontext reflektieren.

 Das Bild ist eine „Ikone der Vernichtung1: Am Ende des Warschauer Ghetto-Aufstandes haben SS-Leute eine Gruppe von Juden gefangengenommen. Das Foto zeigt, wie sie mit erhobenen Händen abgeführt werden. Nahezu in der Bildmitte ein kleiner Junge, links daneben eine Frau ebenfalls mit erhobenen Händen, dahinter andere Gefangene. Rechts im Bild sind SS-Leute zu sehen. Der vorderste von ihnen hat sein Gewehr halb erhoben in Richtung des kleinen Jungen gerichtet. Das Foto ist mit einer Unterschrift versehen: „Mit Gewalt aus Bunkern hervorgeholt.
Das Bild stammt aus dem sogenannten Stroop-Bericht. SS-Gruppenführer Stroop war der Leiter der Einsatzkräfte, die den jüdischen Aufstand im Warschauer Ghetto (April/Mai 1943) niedergeschlagen haben. Stroop ließ über diese Aktion einen Bericht anfertigen, der den Titel „Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr! trug. Dieser Bericht sollte die Niederschlagung des Aufstands als persönliche Erfolgsbilanz dokumentieren und präsentieren. Er enthielt eine Beschreibung der Aktion, während ihres Ablaufs versendete Fernschreiben sowie 54 Fotografien. Der Bericht wurde in drei Exemplaren erstellt; eines erhielt Himmler, ein zweites der Vorgesetzte von Stroop, das dritte behielt er für sich selbst. Von den Personen auf dem Bild konnte im Nachhinein lediglich der SS-Mann mit dem Gewehr sicher identifiziert werden, nicht aber die Gefangenen. Als Fotograf wird SS-Hauptsturmführer Franz Konrad vermutet. Er hat einige Fotos aus dem Stroop-Bericht aufgenommen; ob auch das Bild des kleinen Jungen dazugehört, ist nicht völlig zweifelsfrei geklärt.
Erstmals komplett veröffentlicht wurde der Stroop-Bericht, herausgegeben und eingeleitet von Andrzej Wirth, im Jahre 1960.2 Auch der bekannte, von Gerhard Schoenberner herausgegebene Bildband „Der gelbe Stern3 zeigte im selben Jahr eine Reihe von Fotografien daraus. Er führte erstmals einem breiten Publikum die nationalsozialistische Judenvernichtung in Bildern vor Augen. Das Foto des kleinen Jungen ist von allen Bildern aus dem Stroop-Bericht weitaus am bekanntesten geworden. Diverse Veröffentlichungen haben sich mit der Ikonographie des Bildes, seiner Semantik, seiner Nutzung (u.a. künstlerischen Verarbeitungen) und seiner Rezeption in der Erinnerungskultur befasst.4 Insbesondere Christoph Hamann hat sich verschiedentlich mit dem Foto beschäftigt; er hat seine unterschiedlichen Verwendungsweisen und Kontextualisierungen untersucht sowie Vorschläge für seine Behandlung im Unterricht gemacht.5 Hier soll es um die Verwendung des Fotos in deutschen Geschichtsschulbüchern gehen, die bei Hamann nur kurz gestreift wird. Denn auch im Schulbuch war das Bild lange Zeit eine Ikone.6
Die früheste Schulbuchrezeption
Das Foto scheint zum ersten Mal bereits 1958 in dem Klett-Schulbuch „Lebendige Vergangenheit, adressiert an Real- und Mittelschulen, abgedruckt worden zu sein. Die 6. Auflage des Buches, ebenfalls 1958 erschienen, enthält das Bild noch nicht, in der 7. Auflage aus demselben Jahr ist es dann eingefügt, zusammen mit...

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Fakten zum Artikel
aus: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht Nr. 7 / 8

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