Nora Thäsler

Frauen im Mittelalter

Der Umgang mit Scheidungen wird in diesem Ausschnitt des Heidelberger Sachsenspiegels von 1315 abgebildet. Er gehört in eine der bekanntesten Bilderhandschriften des Sachsenspiegels von Eike von Repgow. Die kolorierten Federzeichnungen werden ergänzt durch Texte, geschrieben auf Pergament.
Der Umgang mit Scheidungen wird in diesem Ausschnitt des Heidelberger Sachsenspiegels von 1315 abgebildet. Er gehört in eine der bekanntesten Bilderhandschriften des Sachsenspiegels von Eike von Repgow. Die kolorierten Federzeichnungen werden ergänzt durch Texte, geschrieben auf Pergament., © akg-images

Nora Thäsler

Untergebene des Mannes oder unabhängige Persönlichkeiten?

Die Geschichte des Mittelalters liest sich vor allem als Geschichte der Männer. Die Frauen treten in der Regel in ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter, nicht als selbstständige Individuen auf. Allerdings spielten sie, obwohl sie rechtlich weitestgehend handlungsunfähig waren, im privaten sowie im politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben eine wichtige Rolle. Beispielsweise verwalteten adelige Frauen den Familienbesitz und übten großen politischen Einfluss auf ihre Männer aus, wodurch sie z.T. einen „Ruf als politisch handlungsfähige Frau (Ketsch 1982, S.41) erlangten. Auch die Äbtissinnen übten ein Amt mit beachtlicher Macht aus und hatten kirchlichen, politischen und sozialen Einfluss.
Im ländlichen Bereich, der vom System der Grundherrschaft geprägt war, waren Mann und Frau für den gemeinsamen Haushalt zuständig und in ihrer Arbeit voneinander abhängig. Während der Mann in der Regel die Aufgaben außerhalb des Hauses übernahm, kümmerte sich die Frau um Haus und Hof sowie die Kindererziehung (Dehne 2007, S.195). Das Frauenbild im Mittelalter wurde von Priestern geprägt, wodurch die Frau trotz der Arbeitsteilung auf dem Land dem Mann untergeordnet wurde.Während zu Beginn des Mittelalters Ehen noch von den Familien beschlossen wurden, setzte sich seit dem 13.Jahrhundert ein christliches Ehemodell durch, das eine auf dem Konsens der Eheleute basierende monogame und untrennbare Verbindung beschreibt. Dennoch dienten die Ehen vor allem dazu, Macht und Besitz zu erhalten (Dehne 2007, S.31f.). Mit diesem bürgerlichen Ehemodell, das das Ehepaar weniger als Arbeitspaar betrachtet und eher eine zurückhaltende und zarte Frau als Ehefrau bevorzugt, wurden die Frauen stärker vom Arbeitsleben ausgeschlossen.
Die Scheidung einer Ehe war bis zum 9.Jahrhundert einfach zu vollziehen, jedoch wurde sie mit der Verbreitung der christlichen Theorie der Un-auflöslichkeit der Ehe deutlich eingeschränkt. Während zuvor Gründe wie Unfruchtbarkeit oder Untreue seitens der Frau als Begründung ausreichten, galt später einzig eine zu nahe Verwandtschaft der Ehepartner als Begründung für die Scheidung (Goetz 2002, S.46). Dennoch ist hier vor pauschalisierenden Äußerungen über die Ehe im Mittelalter zu warnen, da sich die Quellen sehr unterschiedlich zu diesem Bereich äußern.
Sachanalyse
Wie der Schwabenspiegel (Quelle1 ) beschreibt, waren die Frauen rechtlich und wirtschaftlich von ihrem Mann abhängig. Ihre Möglichkeiten, sich persönlich zu entfalten und einer Arbeit nachzugehen, waren begrenzt, da sich ihre Rolle vor allem auf das häusliche Leben beschränkte. Dennoch erscheinen Frauen als Handlungsträger insbesondere in der Heilkunst (Quelle2 ). Die Frau in Zünften kann im Themenbereich der Stadt im Mittelalter thematisiert werden und wird hier daher zunächst inhaltlich ausgeklammert. Im Mittelalter war es möglich, Ehen durch einen Priester zu scheiden (Quelle3 ), jedoch wurde dies mit der Ausbreitung der christlichen Lehren erschwert.
Didaktische Überlegungen
Die Gegenwart bietet den Schülerinnen und Schülern differierende Geschlechterrollen, die auf subjektiven alltäglichen Erfahrungen beruhen und daher für sie schwierig zu fassen sind, während das Mittelalter mit seiner starr wirkenden Ständegesellschaft einen vereinfachten Zugang zu diesem Themenkomplex bietet. Dennoch müssen die Lernenden erkennen, dass sich die sozialen Strukturen des Mittelalters nicht grundsätzlich verallgemeinern lassen.
Durch die Betrachtung unterschiedlicher Quellen im Hinblick auf das transportierte Rollenbild und die Quellenart sollen die Lernenden ein differenzierteres Verständnis der mittelalterlichen Frau und ihrer Handlungsspielräume entwickeln. Grundsätzlich sollte im Geschichtsunterricht die gleiche Repräsentation der Geschlechter das Ziel der Unterrichtsplanung sein, dies ist jedoch aufgrund der unterschiedlichen Quellenlage und auch...
Geschichte lernen
Sie sind bereits Abonnent?

Mein Konto

Weiterlesen im Heft

Ausgabe kaufen

Geschichte lernen abonnieren und digital lesen!
  • Exklusiver Online-Zugriff auf Ihre digitalen Ausgaben
  • Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
  • Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen

Zeitschrift abonnieren

Fakten zum Artikel
aus: Geschichte lernen Nr. 190 / 2019

Inklusiver Geschichtsunterricht

Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 5-10