Hiram Kümper

Das Mannheimer Experiment

Der Mannheimer Marktbrunnen von 1769. Er zeigt die Stadtgöttin „Mannheimia“ zusammen mit Hermes, dem Gott der Reisenden und des Handels. In der Hand hält Mannheimia den Stadtplan Mannheims.
Der Mannheimer Marktbrunnen von 1769. Er zeigt die Stadtgöttin „Mannheimia“ zusammen mit Hermes, dem Gott der Reisenden und des Handels. In der Hand hält Mannheimia den Stadtplan Mannheims., Abb. © Bego-Ghina

Hiram Kümper

Wie Zuwanderung aus einer kleinen Garnisonsstadt eine Metropole machte

Mannheim ist seit seiner Gründung im 17. Jahrhundert eine Stadt, für die Migration stets eine herausragende Rolle gespielt hat. Dessen ist sich die Stadt auch sehr bewusst und hat die Vielfalt ihrer Bewohnerinnen und Bewohner als ihren Markenkern entdeckt. Tatsächlich kann sie ein positives Beispiel für die Bedeutung von Migration für das Blühen einer Stadt sein.
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Mannheim ist eine Zuwanderungsstadt und stolz darauf. Die Vielfalt der Herkünfte gehört seit 400 Jahren zum Markenkern der Stadt. Heute leben in Mannheim Menschen aus über 170 Nationen, mehr als 40% der Stadtbevölkerung hat einen Migrationshintergrund. Für Mannheim hat das Tradition, denn die Stadt ist mehrfach zerstört und erst durch die neu Zuziehenden wieder aufgebaut worden. In der Moderne waren es dann erst die niedergelassenen Kaufleute aus aller Welt rund um den großen Rheinhafen und seit der Entwicklung der Rhein-Neckar-Region zu einem wichtigen Industriestandort Arbeitskräfte aus aller Herren Länder, die zum Wohlstand der Stadt beigetragen haben und dazu, dass Mannheim ein Schmelztiegel ganz unterschiedlicher Herkünfte geblieben ist.
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Mannheim wurde im 17. Jahrhundert mehrfach zerstört und wieder aufgebaut. Eine wesentliche Zäsur stellte der Wiederaufbau nach dem Dreißigjährigen Krieg dar. Aus diesem Zusammenhang stammen auch die für den Unterrichtsvorschlag gewählten Quellen. Nach dem Dreißigjährigen Krieg war Konfessionsfreiheit zwar prinzipiell in allen Territorien gegeben; de facto aber blieben die religiösen und konfessionellen Minderheiten vielerorts auf die private Religionsausübung beschränkt. Außerhalb des Reiches, v.a. in Frankreich und den spanischen Niederlanden (dem heutigen Belgien), wurden Protestanten immer wieder verfolgt. Territorien, die mit ausdrücklicher Konfessionsfreiheit warben, übten eine große Anziehungskraft aus so eben auch die Kurpfalz. Für das „Mannheimer Experiment (Arnscheidt 2003) kommt aber noch ein zweiter wichtiger Aspekt dazu: die ausdrückliche Gewerbefreiheit. Das war etwas ganz außergewöhnliches für das frühneuzeitliche Deutschland, wo ansonsten noch bis ins frühe 19. Jahrhundert Zunftzwang herrschte. Das fortschrittliche Modell, das sich der Kurfürst der Pfalz, Karl Ludwig I., aus den Niederlanden abgeschaut haben dürfte, zog besonders viele gut ausgebildete französische Reformierte (Hugenotten) und Niederländer nach Mannheim. So erklärt sich auch, dass diesen hochbegehrten Fachkräften besondere Anreize geschaffen wurden: etwa die Garantie eigener Prediger und Schulmeister in der jeweiligen Landessprache.
In mancher Hinsicht hat das „Mannheimer Experiment jedoch keine lange Dauer gehabt: Insbesondere der Zunftzwang wurde rasch wieder durch die Hintertür, nicht aber offiziell wieder eingeführt, weil die neu situierten Gewerbetreibenden kein Interesse an weiterem Zustrom hatten. Auch die städtischen Freiheiten wurden stärker eingeschränkt, nachdem seit 1720 der kurfürstliche Hof in Mannheim residierte. Die Konfessionsfreiheiten und die besondere Internationalität blieben der Stadt aber erhalten und wurden ein eigener Pull-Faktor für viele Migrantinnen und Migranten aus Süd- und Westeuropa, wussten sie doch, dass es in Mannheim bereits vitale Communities aus ihren Herkunftsländern gab. So wurde Mannheim als Residenz-, Handels- und eben auch als Migrationsstadt mit engen Kontakten v.  a. allem nach Frankreich im 18. Jahrhundert eine der bedeutendsten Metropolen des deutschen Südwestens. Zwischen der Mitte des 17. und der Mitte des 18. Jahrhunderts hatte sich die Stadtbevölkerung von schätzungsweise 2.500 bis 3.000 auf über 25.000 Bewohner fast verzehnfacht.
Didaktische Überlegungen
Wenn es um die wirtschaftliche Entwicklung eines Staates, einer Region oder einer Stadt geht, wird Migration derzeit vor allem als Problem wahrgenommen. Hier...
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Fakten zum Artikel
aus: Geschichte lernen Nr. 198 / 2020

Migration

Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (> 90 Min) Schuljahr 9-13