Michael Sauer

Lebenswege im Geschichtsunterricht behandeln

Das Leseheft "Und meine Hoffnungen machen täglich die Reise"
Das Leseheft "Und meine Hoffnungen machen täglich die Reise", © Linden; Friedrich Verlag

Michael Sauer

Didaktische Anmerkungen und methodische Anregungen

2017 hat Madelaine Linden eine Auswahl aus den Briefen ihrer Urgroßmutter Anna Hess veröffentlicht („Anna Hess Briefe einer jüdischen Hamburgerin an ihre Tochter in Buenos Aires von 1937 bis 1943). Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten flohen die Mitglieder der jüdischen Familie aus Deutschland. Anna Hess, Mutter und Großmutter, damals schon Mitte achzig, blieb zurück; derart einschneidende Lebensveränderungen mochte sie sich nicht mehr zumuten. Mit ihrer Tochter Martha, genannt Muckchen, blieb sie in engem Briefkontakt. Sie berichtete von ihren Lebensumständen, von den Veränderungen und zunehmenden Beschränkungen, denen sie als Jüdin unterlag. 1943 wurde sie schließlich im Alter von 88 Jahren nach Theresienstadt deportiert. Dort lebte sie nicht mehr lange; der 28. September ist als ihr Todestag dokumentiert.
Für das vorliegende Heft vonGeschichte lernen hat Madelaine Linden die Geschichte von Anna Hess und ihrer Familie nacherzählt und eine kleine Auswahl von Briefen und Bildern zusammengestellt. Es ist ein persönlicher, eingängiger Text, versehen mit Kommentaren und aktuellen Bezügen. Trotz seines Umfangs ist er für Schülerinnen und Schüler gut fasslich. Informationskästen unterstützen das Verständnis.
„Muckchens Familie verlässt bereits 1934 Deutschland. Noch sind Juden nicht an Leib und Leben bedroht. Dennoch handelt es sich bei den Juden, die bald nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten Deutschland verlassen, um Flüchtlinge, um Zwangsmigranten. Denn ihr altes Leben können sie nicht unbeeinträchtigt weiterführen. Sie verlieren ihre Heimat, sie nehmen das Wagnis eines Neuanfangs in unbekannten Verhältnissen in Kauf.
Davon gewinnen Schülerinnen und Schüler hier ein Bild. Damit realisiert sich, was seit Langem zurückgehend auf Klaus Bergmann als „Personifizierung ein Prinzip der Geschichtsdidaktik und eine Maxime für den Geschichtsunterricht bildet: Exemplarisch treten das Leben, die Taten und das Leiden von Menschen, die sonst historisch stumm geblieben wären, zutage; dieses Leben wird für uns nachvollziehbar. In Bezug auf die Verbrechen des Nationalsozialismus ist das, vor allem Kontext der Gedenkstättenarbeit, auf eine eingängige Formel gebracht worden: „den Opfern ein Gesicht geben. Genau dies geschieht hier in Text und Bild, und zwar nicht nur für die Hauptfigur Anna Hess, sondern auch für andere Mitglieder ihrer Familie.
Bei der Lektüre ist es nicht ganz einfach, die verschiedenen, auch älteren Familienmitglieder auseinanderzuhalten und ihren Lebensweg zu verfolgen. Eine gute Hilfestellung bietet der Stammbaum(-ausschnitt) auf Seite 2. Genauer erschließen können Schülerinnen und Schüler den Text, indem sie zu den einzelnen Personen „Steckbriefe erstellen, also in Stichworten zusammentragen, welche Hinweise sich zu ihnen jeweils finden. Für Anna Hess, die Hauptperson, ist dann eine genauere Darstellung erforderlich. Bei alldem geht es nicht nur um Sachinformationen; die Autorin wartet auch mit knappen und markanten Stichworten zu den Charakteren und zum Habitus der Personen auf. Dabei sind auch die Fotografien von Interesse. Sie lassen den bürgerlichen Hintergrund der Familie erkennen, spezifisch Jüdisches tritt nicht in Erscheinung.
Alles in allem eignet sich das Beiheft, um beim obligatorischen Thema „Verfolgung, Entrechtung und Vernichtung von Juden im Nationalsozialismus einen vertiefenden und konkretisierenden Akzent auf der Basis einer Familiengeschichte zu setzen und dabei auch den Gesichtspunkt Migration zur Geltung zu bringen.
Das 16-seitige Leseheft „Und meine Hoffnungen machen täglich die Reisen ist als Lehrerexemplar Bestandteil der Ausgabe 198 von GESCHICHTE LERNEN und nicht einzeln verkäuflich. Informationen zum Erwerb der digitalen Ausgabe und der Unterrichtslizenz finden Sie unter: www.fr-v.de/lebenswege
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Fakten zum Artikel
aus: Geschichte lernen Nr. 198 / 2020

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Kennzeichnung Geschichte lernen Schuljahr 8-13