Corinna Link

Bilingualer Geschichtsunterricht

 Interkulturelle Perspektivität im bilingualen Geschichtsunterricht. Die im Geschichtsunterricht in der Schulsprache grundsätzlich bearbeiteten historischen und aktuellen Perspektiven werden im bilingualen Geschichtsunterricht ergänzt durch die entsprechend in einer zweiten Sprache formulierten Perspektiven auf dasselbe historische Ereignis (vgl. thematisch Wildhage 2009, S. 21). Bilingualer Geschichtsunterricht eignet sich damit für die Untersuchung interkultureller Multiperspektivität und interkultureller Kontroversität.
Interkulturelle Perspektivität im bilingualen Geschichtsunterricht. Die im Geschichtsunterricht in der Schulsprache grundsätzlich bearbeiteten historischen und aktuellen Perspektiven werden im bilingualen Geschichtsunterricht ergänzt durch die entsprechend in einer zweiten Sprache formulierten Perspektiven auf dasselbe historische Ereignis (vgl. thematisch Wildhage 2009, S. 21). Bilingualer Geschichtsunterricht eignet sich damit für die Untersuchung interkultureller Multiperspektivität und interkultureller Kontroversität., © Link

Corinna Link

Interkulturelle Perspektivität als Spezifikum historischer Bildung

Seit mehr als 60 Jahren wird in Deutschland bilingual Geschichte unterrichtet. Längst ist bilingualer Unterricht kein Nischenangebot mehr für besonders begabte und leistungsstarke Schülerinnen und Schüler. Schon 2013 boten etwa 40% der Gymnasien und Gesamtschulen einen bilingualen Zweig an, und die Kultusministerkonferenz plant die Ausweitung des Angebots. Zudem gibt es an vielen Schulen bilinguale Module. Im Anschluss an die Elysée-Verträge war die Bezugssprache zunächst Französisch. Ein durch diesen Spracheinsatz angelegtes Verständnis „des anderen sollte die deutsch-französische Verständigung sichern. Als lingua franca wurde Englisch in den 1990ern zur gängigsten Bezugssprache (Breidbach 2013). Heute findet bilingualer Unterricht unter Verwendung verschiedenster Fremdsprachen statt: Spanisch und Italienisch, die als Schulfach verbreitet sind; Chinesisch und Türkisch, die eine außergewöhnliche Schulprofilbildung erlauben; Polnisch, Dänisch und Sorbisch, deren Einsatz vom Gedanken regionaler Verständigung und gemeinsamer Identitätsbildung geprägt ist. Geschichte ist in diesem Zusammenhang schon immer eines der am häufigsten bilingual unterrichteten Fächer.
Aus fremdsprachendidaktischer Sicht wird bilingualer Unterricht in aller Regel befürwortet (z.B. Hallet 2013). Ein hinsichtlich Wortschatz und Grammatik verbessertes Sprachlernen (Vockrodt-Scholz, Zydatiß 2007) konnte ebenso nachgewiesen werden wie eine erhöhte Lese-, Schreib- und allgemeine Diskurskompetenz der Schülerinnen und Schüler (Dalton-Puffer 2007). Fremdsprachendidaktischen Zielen dient der bilinguale Unterricht also offenbar erfolgreich (Klieme et al. 2006).
Aus geschichtsdidaktischer Perspektive wird dagegen in inhaltlicher wie in sprachlicher Hinsicht deutliche Kritik am bilingualen Unterricht geübt (Hasberg 2004, Maset 2015, S. 9, 19): Zum einen resultiere aus den fremdsprachlich (zunächst) geringen Mitteln der Schülerinnen und Schüler die Notwendigkeit, im Unterricht auf Erkenntnisgewinn und Urteilsbildung zu verzichten und rein reproduktive Denkoperationen zu verfolgen. Zum anderen profitiere lediglich die Fremdsprache, während zugleich ein Verlust der Fachsprache im Deutschen drohe. Offensichtlich stellt sich also die in der geschichtsdidaktischen Diskussion sehr aktuelle und relevante Frage nach der Fachlichkeit von Sprachbildung im Geschichtsunterricht.
Fachdidaktische Ziele, so lässt sich die geschichtsdidaktische Wahrnehmung des bilingualen Unterrichts zusammenfassen, würden „trivialisiert und „nur selten wahrgenommen „wenn überhaupt (Maset 2015, S. 19). Was aber, so lässt sich andersherum fragen, sind die geschichtsdidaktischen Ziele, was ist das fachliche Potenzial, das (womöglich spezifisch) bilingualer Geschichtsunterricht aufweisen kann?
Chancen des Bilingualen für den Geschichtsunterricht
Fachlich sinnvoll ist der Spracheinsatz im bilingualen Geschichtsunterricht dann (und darin sehen auch überzeugte Kritiker ein „Versprechen für das Fach), wenn ein Zusammenhang von Kultur und Sprache ausgemacht werden kann. Was nämlich den bilingualen offensichtlich vom mono-lingualen Geschichtsunterricht unterscheidet, ist die Nutzung einer Fremdsprache. In ihr ist so die zugrunde liegende Annahme eine bestimmte kulturelle Perspektive enthalten (Clemen/Sauer 2007, S.709). Wird diese nun im bilingualen Geschichtsunterricht verstärkt behandelt, so kann an ihr die „Pluralität der Deutungen besonders gut veranschaulicht werden (Barricelli 2009, S.218). Durch die Fremdsprache nämlich werde zusätzlich zur „eigenen eine sprachlich und damit kulturell fremde Perspektive aus der und vor allem auf die Geschichte aufgezeigt. Das geht freilich nur, wenn der bilinguale Unterricht als solcher wörtlich genommen wird und in (mindestens) zwei Sprachen plural Deutungen vermittelt (Diehr 2016; Hasberg 2004, S.231). Deshalb wird im...
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Fakten zum Artikel
aus: Geschichte lernen Nr. 197 / 2020

Bilingualer Geschichtsunterricht

Kennzeichnung Geschichte lernen Schuljahr 7-13