Josef Memminger

Historisches Lernen in größeren Zusammenhängen

Abb. 4: Alltagsgegenstände können technische Entwicklungen im Wandel der Zeit verdeutlichen – im Bild sind verschiedene Modelle von Fotoapparaten zu sehen. Die Bilderreihe ließe sich gegebenenfalls durch das Smartphone ergänzen, da es vielen Hobbyfotografen heute ganz selbstverständlich nicht nur zum Telefonieren, sondern auch zum Fotografieren dient.
Abb. 4: Alltagsgegenstände können technische Entwicklungen im Wandel der Zeit verdeutlichen – im Bild sind verschiedene Modelle von Fotoapparaten zu sehen. Die Bilderreihe ließe sich gegebenenfalls durch das Smartphone ergänzen, da es vielen Hobbyfotografen heute ganz selbstverständlich nicht nur zum Telefonieren, sondern auch zum Fotografieren dient., © Oleksandr Babich/stock.adobe.com

Josef Memminger

Längsschnittartige, epochenübergreifende Geschichtsbetrachtung im Unterricht

In der Fachwissenschaft ist der Längsschnitt ein gängiges Darstellungsprinzip. Bestimmte Phänomene nach den großen Entwicklungslinien abzuklopfen und nach einer Konstruktion von Zusammenhängen nicht nur in ihrer Zeit und aus ihrer Zeit heraus, sondern über die Zeiten hinweg zu suchen, ist ein typisches Verfahren der Historiographie.
„Große Linien in Fachwissenschaft und Geschichtskultur
Dabei werden die längsschnittartig zu erkundenden Themen wesentlich von relevanten Gegenwartsfragen beeinflusst, die sich beispielsweise mit „Der Geschichte des Rassismus (Geulen 2017) oder der „Geschichte des virtuellen Denkens (Walach 2018) befassen. Auch populäre Formate der Medienwelt und der Geschichtskultur streben nach epochenüberschreitender Darstellung. Das ZDF strahlte in der Reihe Terra X die Folge „Die Alpen eine große Geschichte aus, die „von der Entstehung des Gebirges bis zu den Gipfelstürmern von heute handeln wollte (Homepage ZDF Terra X 2018). „Von der Keule zur Rakete Die Geschichte der Gewalt hieß eine weitere Dokumentation im gleichen Sender (Homepage ZDFinfo Doku 2018). Ob das Versprechen, mithilfe der Formate das „große Ganze zu verstehen, auch immer eingelöst wird (und werden kann), bleibt diskutabel. Unbestreitbar ist, dass fachlich und gesellschaftlich ein Verlangen nach einer Einordnung von Inhalten in umfassendere diachrone Kontexte vorhanden ist. Auch die Schule kann sich dem nicht verschließen. Geschichtsdidaktik und Geschichtsunterricht sind zwar ohnehin in der Pflicht, Bedeutung und Wirkung von Vergangenem für Gegenwart und Zukunft herauszuarbeiten, in den mitunter kleinschrittig chronologisch strukturierten Einheiten können die „großen Linien aber bisweilen aus dem Blick geraten.
Zur Begrifflichkeit in geschichtsdidaktischer Perspektive
Längsschnitte werden in den gängigen Einführungen und Überblickswerken zur Geschichtsdidaktik als geeigneter Zugriff für den Geschichtsunterricht vorgestellt, um einen „ausgewählte[n] Aspekt über einen längeren historischen Zeitraum hinweg (Sauer 2012, S. 58) zu untersuchen. Durchgehend wird hervorgehoben, dass dabei die Fragestellung entscheidend sei. Sie bestimme Ereignisse oder Phänomene, „die einer bestimmten Klasse zugeordnet werden und organisiert sie in einer chronologischen Folge (Pandel 2013, S. 390). Es werden demnach auf einer weit ausgreifenden zeitlichen Längsachse vergleichbare Aspekte angeordnet, sodass ein Bild von langer Dauer meist über Epochen hinweg bis zur Gegenwart sichtbar wird.
Der Längsschnitt wird in der Literatur in unterschiedlich benannte übergeordnete Kategorien einsortiert. Er gilt unter anderem als ein „Untersuchungsverfahren (Sauer 2010), als ein „Darstellungskonzept (Barricelli in Barricelli/Lücke 2012), als „Darstellungsweise oder -prinzip (Pandel 2013) oder als ein „thematisches Strukturierungskonzept (Barricelli in Günther-Arndt/Handro 2015).
Jeder Längsschnitt bedient sich (auch) eines vergleichenden Zugriffs. Wird ein Thema über Epochen und größere Zeiträume hinweg nicht kontinuierlich, sondern in wenigen „Stationen verfolgt, ist es genauer, von einem diachronen Vergleich zu sprechen. Während ein echter Längsschnitt stärker zum Aufzeigen von genetischen Entwicklungen tendiert, ist der historische Vergleich in seinem Erkenntnisanspruch begrenzter und punktueller (vgl. Sauer 2012, S. 63). Ein Deutungszusammenhang bzw. ein „irgendwie gearteter historischer Konnex (Barricelli 2015, S. 49) wird nicht grundsätzlich vorausgesetzt. Daneben muss ein epochenübergreifender Vergleich mit mindestens drei „Stationen auch nicht zwingend auf den Zielpunkt Gegenwart zulaufen, was für den Längsschnitt meist als konstitutiv gesehen wird.
Lehrkräfte, die bestrebt sind, in ihrem Geschichtsunterricht Ursachen-, mehr noch aber Sinnzusammenhänge darzulegen so gut wie alle Lehrpläne rekurrieren auf diese...
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Fakten zum Artikel
aus: Geschichte lernen Nr. 187 / 2019

Längsschnitte

Kennzeichnung Geschichte lernen Methode & Didaktik Schuljahr 5-13