Fabian Bien

„Alle Menschen werden Brüder“?

Beethovens „Neunte“ – politisch instrumentalisiert von Demokratien und Diktaturen
Beethovens „Neunte“ – politisch instrumentalisiert von Demokratien und Diktaturen, © Juulijs/stock.adobe.com

Fabian Bien

Dekonstruktion politischer Deutungen von Beethovens 9. Symphoniemit dem Chorfinale „An die Freude

Die Melodie zu Schillers Ode „An die Freude, komponiert von Ludwig van Beethoven, ist bei Schülerinnen und Schülern heutzutage sehr bekannt, ob als Europahymne, durch die Bürger-initiative „Pulse of Europe oder als kollektiver Mutmacher während der Corona-Pandemie im Rahmen spontaner Balkonkonzerte. Das Werk Beethovens, aus dem die Melodie stammt, gilt als eines der berühmtesten Musikstücke überhaupt: Die 9. Symphonie in d-Moll op. 125. Wenig bekannt ist aber, dass Beethovens „Neunte seit ihrer umjubelten Uraufführung 1824 eine höchst wechselvolle Rezeptionsgeschichte zu verzeichnen hat. So wurde die Symphonie von den verschiedensten Demokratien und Diktaturen identitätsstiftend für die jeweiligen politischen Ziele in Dienst genommen (Buch 2000). An diesem Beispiel der politischen Instrumentalisierung von Kunst können Lernende ihre Dekon-struktionskompetenz und, darauf aufbauend, die Werturteilsbildung üben, indem sie begründet dazu Stellung nehmen, welchen politischen Wert die 9. Symphonie angesichts der wechselvollen Rezeptionsgeschichte für sie heute noch haben kann. Dies ist im „Beethovenjahr 2020 anlässlich des 250. Geburtstages des Komponisten von besonderer Aktualität.
Historische Einordnung
Beethoven bekannte sich mit seiner9. Symphonie, in der im letzten Satz vier Solisten und ein Chor Verse aus Schillers Ode „An die Freude singen, politisch zu den aufklärerischen Werten von Gleichheit und Brüderlichkeit. Dass die Symphonie von der Nachwelt trotzdem so verschieden verstanden und sogar von Diktaturen politisch instrumentalisiert werden konnte, hatte über eine schlichte Ignoranz gegenüber den Intentionen Schillers und Beethovens hinaus vor allem zwei Gründe: Zum einen ist Musik als Kunstform immer bis zu einem gewissen Grad semantisch offen für verschiedene Deutungen, was insbesondere auch für den ausgedehnten vierten Satz der „Neunten mit seinem abwechslungsreichen affektiven Gehalt gilt. Zum anderen griff Beethoven bewusst nicht auf die politisch revolutionäre Erstfassung von Schillers populärem Gedicht von 1785 zurück, sondern auf die „entschärfte Zweitfassung von 1808 (s. Sachinformation).
SachInformation:
SachInformation:
Die 9. Symphonie von Ludwig van Beethoven (17701827) wurde 1824 in Wien mit großem Erfolg uraufgeführt. Im letzten Satz seines Werkes griff der Komponist erstmals in der Geschichte der Gattung Symphonie überhaupt über das rein instrumentale Orchester hinaus auf die menschliche Stimme zurück: Vier Solisten und ein Chor sangen Verse aus Friedrich Schillers (17591805) Ode „An die Freude. Der Text aus dem Jahr 1785 war um die Wende zum 19. Jahrhundert, nicht zuletzt aufgrund verschiedener musikalischer Vertonungen für Chorgesang, im deutschen Bürgertum sehr populär. Mit der Wahl des Schillerschen Textes präsentierte sich Beethoven als Anhänger der aufklärerischen Ideale von Gleichheit und Brüderlichkeit. Im persönlichen Umgang mit dem Wiener Adel allerdings verhielt er sich zeitlebens meist pragmatisch, bisweilen sogar opportunistisch. Diese Ambivalenz kommt in der „Neunten darin zum Ausdruck, dass Beethoven bewusst nicht auf Schillers revolutionäre Erstfassung der Ode von 1785 zurückgriff, die eine deutliche politische Kritik an der Sonderstellung des Adels enthielt, sondern auf die sprachlich „entschärfte Zweitfassung, die nach dem Tod des Dichters 1808 veröffentlicht wurde: Stand in Schillers Gedicht etwa ursprünglich der Vers „Bettler werden Fürstenbrüder, hieß es an gleicher Stelle nun nur noch recht unverfänglich „Alle Menschen werden Brüder.
Somit konnten spätere politische Weltanschauungen ohne größere Schwierigkeiten für sich jeweils neu definieren, wie jene Gesellschaft von „Brüdern konkret politisch organisiert sein sollte. Bei allen Unterschieden zwischen den vielfältigen politischen Indienstnahmen der 9. Symphonie jedoch...
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Fakten zum Artikel
aus: Geschichte lernen Nr. 197 / 2020

Bilingualer Geschichtsunterricht

Kennzeichnung Geschichte lernen Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 10-13